Wer beeinflusst Hardcore am meisten? Diese Top 5!

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In der Flut von Bands und Musik, die uns heutzutage überschwemmt, fällt es ziemlich schwer herauszufiltern was wirklich Qualität hat. Homerecording und günstige, sogar kostenlose Vertriebsmöglichkeiten über das Internet bieten jedem noch so unbekannten Musiker die Chance, seine Musik der Welt zugänglich zu machen. Das ist natürlich einerseits klasse, da so einige talentierte Newcomer die Chance haben, entdeckt zu werden und über diesen Weg an einen Plattendeal zu kommen. Andererseits schwimmen in besagter Flut aber auch unendlich viele Musiker, Platten, oder einzelne Songs mit, die in der Prä-Internetzeit von Plattenfirmen und Produzenten herausgefiltert wurden und den Endverbraucher gar nicht erst erreichten. Das sei als kleines Vorwort zum eigentlichen Thema dahingestellt, bietet aber natürlich viel Diskussionsstoff, mit dem ich eine weitere Kolumne füllen kann.

Welche Kriterien nimmt der Endverbraucher also als Filterhilfe? Und damit sind wir beim eigentlichen Thema dieses Artikels angelangt. Denn eine Möglichkeit bietet sich in der Suche nach dem Ursprung, den Wegbereitern und den Einflüssen heutiger Bands und Genres. Gleiches gilt übrigens für Musiker, die Band oder Musiker xy als Vorbild haben. Statt diesen einen Musiker zu (versuchen zu) kopieren, sollte man dessen Vorbilder und Einflüsse suchen und sich davon inspirieren lassen. Damit erweitert sich der Horizont ungemein und man läuft nicht Gefahr eine bloße Kopie des einen Vorbilds zu werden.

Aber das nur am Rande. Begeben wir uns nun also auf die Suche nach den einflussreichsten Bands der heutigen Hardcore-Welt.

Disclaimer meinerseits:

Die folgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, das ist ja auch nicht wirklich umsetzbar, sondern spiegelt wider, welche Bands und deren Songwritingstile und Spielweisen meiner Meinung nach in aktuellen Aufnahmen immer noch wiederzufinden sind. Aber genug der Vorworte, Sturzhelm auf und los!

SUICIDAL TENDENCIES

1982 in Venice Beach gegründet, sind SUICIDAL TENDENCIES auf jeden Fall eine der am längsten aktiven Bands der Szene und mit Sicherheit auch eine der musikalisch interessantesten. So mischen sie Hardcore, Punk, Funk und Trash in eine groovige Symbiose und können damit auch heute noch die Massen begeistern. Die Konzerte muten eher wie Gospelgottesdienste an und Sänger Mike “Cyco Miko” Muir versprüht trotz seiner 53 Jahre und Rückenprobleme eine unfassbare Energie auf der Bühne. Der Gesang ist eher eine Mischung aus Yelling und Erzählen und somit weniger aggressiv als man es sonst gewohnt ist, sorgt dafür aber für Verständnis beim Hörer. Die Songs sind geprägt von epischen Melodien, schnellen Uptempo Skate-Punk-Parts, Accelerandi und Relantandi und Soli die auch aus der Feder von wahlweise Kirk Hammett oder Carlos Santana stammen könnten. Die letzte Platte “13” kam 2013 als dreizehntes Album der Band raus.

SHAI HULUD

Liest man sich die Einflüsse verschiedenster Hardcore-Bands durch, so tauch ein Name eigentlich immer auf: SHAI HULUD. 1995 gegründet, hat die Band immerhin acht Platten herausgebracht und steht seit 2013 bei Metal Blade unter Vertrag. Plattentitel wie “A Profound Hatred Of Man”, oder “Misanthropy Pure” verraten einem sofort worum es inhaltlich geht. Benannt haben sich SHAI HULUD übrigens nach den Sandwürmen aus Frank Herberts “Dune” (unbedingt lesen!).

Wer jemals eine Hardcore-Band gehört hat, hat auch Einflüsse von SHAI HULUD gehört. Schiere Rohheit im Gesang (trotz immer wieder wechselnder Sänger), komplexe Songstrukturen, überwältigende Gitarrenriffs und Texte, die einen eine Welt ohne Menschen wünschen lassen, zeichnen die Band aus. Zuletzt war die Band auf der Abschiedstour von FUNERAL FOR A FRIEND zu sehen. Ihr Underdog-Image konnte (oder vielleicht auch wollte) die Band nie verlieren und spielt geradezu damit. Vergleicht man mal die Anzahl der Fans ihrer Facebook-Page mit anderen Bands, wundert sich wohl niemand mehr, dass er von SHAI HULUD noch nie gehört hat. Aber wie gesagt: Hat man jemals eine Hardcore-Band gehört, hat man Einflüsse von SHAI HULUD gehört. Mein Rat an dieser Stelle: unbedingt die gesamte Diskographie rauf und runter hören und feststellen, dass eigentlich alle anderen Bands bei SHAI HULUD geräubert haben.

SIKTH

Diese Band ist wohl der Inbegriff und Ursprung von Mathcore. 2000 in England gegründet, mischten die Mitglieder (die später fast alle als [Gast-]Dozenten am Brighton Institute for Modern Music tätig waren) Hardcore, Jazz, Metal und eigentlich alles andere in eine nicht  leicht verdauliche Audiomasse, die in erster Linie durch das bloße Können jedes einzelnen Mitglieds überzeugte. Eingängig oder hittauglich ist etwas anderes, denn der Mix von hysterischen, hohen (also wirklich hohen) Screams, Growls und verblüffend schönem Gesang sowie dem unglaublich technischen Spiel der Instrumentalisten, ist doch eher etwas für Enthusiasten, die diese fast schon lächerlich hohe Konzentration an Talent zu schätzen wissen. Inhaltlich ist die Band wohl am besten zu beschreiben mit: obszön und gesellschaftskritisch. Das ist nichts für schwache Nerven.

Aber den Einfluss, den SIKTH bis zur Auflösung 2008 hatten und seit 2013 wieder haben, kann man bei Bands wie zum Beispiel ARCHITECTS, PROTEST THE HERO oder THE DILLINGER ESCAPE PLAN und eigentlich allen anderen technischen Bands heutzutage deutlich hören. Um einen Höreindruck zu gewinnen, eignet sich wohl der Song “Pussyfoot” ganz gut.

KILLSWITCH ENGAGE

Endlich eine Band, die wohl jeder unserer Leser kennt. KILLSWITCH ENGAGE haben sich 1999 gegründet und beschäftigen mit Adam Dutkiewicz und Joel Stroetzel sogar zwei Berkleeabsolventen. Dutkiewicz, der zunächst als Drummer angeheuert wurde, wechselte 2002 an die Gitarre und beeindruckt seitdem nicht nur mit exzellentem Spiel, sondern auch mit verblüffend schönem Backgroundgesang. Die Mischung aus Hardcore und Metal, die mittlerweile als Metalcore bekannt ist, war neu und auf die gleiche Idee kamen zu der Zeit nur AS I LAY DYING und sogar ein bisschen früher 36 CRAZYFISTS. Die Mixtur aus Shouts in den Strophen und Cleangesang in den Refrains verhalfen KILLSWITCH ENGAGE 2007 gar zu einer goldenen Schallplatte für das Album “The End Of Heartache”. Egal welche Band sich seitdem im Schreiben von Metalcoreriffs versucht, sie werden immer an Songs von KILLSWITCH ENGAGE erinnern, die das Ganze nicht nur als eine der ersten Bands tat, sondern bis dato auch als eine der Besten. Wenn auch teilweise etwas zu schmalzig für meinen Geschmack, konnte mich Howard Jones als Sänger doch mehr überzeugen als das mittlerweile wieder dazugekommene Gründungsmitglied Jesse Leach, da ich das klassische Timbre seiner Stimme passend fand. Mittlerweile hat die Band ihr siebtes Album “Incarnate” veröffentlicht. Mein Tipp: die 2005er Live-DVD “Set This World Ablaze”.

MISERY SIGNALS

Und damit schnell wieder zurück in die Gefilde der forever underrated bands. Das sind in diesem Fall MISERY SIGNALS aus Milwaukee. Die Band wurde 2002 von vorherigen Mitgliedern der Bands 7 ANGELS 7 PLAGUES und COMPROMISE gegründet, hat vier Alben und eine EP aufgenommen und beeindruckt durch vielschichtige Rhythmen, sehr versiertes Spiel, besonders von Drummer Branden Morgan und dessen Bruder und Gitarrist Ryan sowie eine unglaubliche Tiefe in der Musik. Polyrythmen, krumme Takte und Riffs, die blitzschnell zwischen Akkorden, soloartigen Melodien und gemuteten Chunk-Ryhthmen wechseln, zeichnen MISERY SIGNALS aus.

Seit 2006 sind auch die sehr tiefen, fast schon beruhigenden Shouts von Karl Schubach ein weiteres Markenzeichen der Band. Wer Bands wie ARCHITECTS, EMMURE oder FOR THE FALLEN DREAMS mag, wird MISERY SIGNALS lieben. Denn selbige sind eigentlich die Urväter des modernen, technischen Metalcores und konnten 2013 mit dem Album “Absent Light” noch einmal beeindruckend zeigen, wie weit man Hardcore musikalisch entwickeln kann, ohne dabei in bloßes Technikgedudel zu verfallen.

Eine Documentary ist für Ende 2016 angekündigt und soll die Anfangstage der Band zeigen, sowie die “Malice-X”-Tour von 2014 zum zehnjährigen Jubiläum des Debut-Albums “Of Malice And The Magnum Heart”.