Wacken Open Air 2016

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So war es auf dem Festival!

Ja, in Wacken wird Wert darauf gelegt, einen Ausgleich zwischen Subgenres des Metal als auch großen und kleinen Bands zu schaffen. Auch wirklich kleine Bands aus aller Welt sollen durch den Metal Battle, welcher seit einigen Jahren immer zu Beginn des Festivals stattfinder, supportet werden. So kamen auch 2016 wieder alteingesessene Größen wie IRON MAIDEN, BLIND GUARDIAN oder TWISTED SISTER, wobei letztere dabei gleichzeitig ihr letztes Konzert in Deutschland spielten. Leider sind manche Punkte in der Tourneeplanung, für welche das Wacken Open Air von vielen Bands gerne gewählt wird, auch Wehmutstropfen.

Trotzdem ist die Stimmung gut, das Publikum hat Bock auf die Musik und die Bands mindestens genauso. Neulinge wie THE VINTAGE CARAVAN rocken im Zelt und sind von der dortigen Stimmung und dem im Verhältnis zu der großen Open Air Bühnen beinahe noch intimen Nähe zu den Fans begeistert, wie sie später im Interview sagen. Trotz des im Zelts seitens einiger Fans bemängelten Sounds ist die dortige Bühne sehr beliebt und erlebt starken Zuspruch. Gerade auch, weil man hier viele neue, kleine Bands entdecken kann. Das ist gut und wichtig für die Szene. Und, wie man merkt, bringt allen Beteiligten etwas.

Draußen geht läuft das Programm ebenfalls gewohnt reibungslos durch. Dank der Verwendung so genannter Delay Tower sind die Konzerte nicht nur im Infield im direkten Bühnenbereich gut zu hören, sondern auch weiter hinten. Ein kleiner Trick seitens der Veranstalter, um den Besuchern mehr Möglichkeiten zu bieten, die Konzerte von verschiedenen Punkten aus zu verfolgen.

Auffällig bei dem Konnzert von EQUILIBRIUM, dass sie, trotz starker musikalischer Leistung und gutem Wetter, immer wieder das Publikum auffordern müssen, etwas mehr mitzumachen. Was ist da los? Kann man zwar auch bei anderen Bands eine gewisse Passivität im Auditorium feststellen, aber dass Bands sich schon dazu gezwungen sehen, um mehr Beteiligung zu bitten?

Auch die Celtic Metaller aus der Schweiz, ELUVEITIE, haben heute großes vor. Sie spielen quer durch ihr Repertoir, und haben auch einen Gast mitgebracht. Liv Kristine, bekannt von LEAVES’ EYES, singt mit ihnen unter anderem den Song “The Call Of The Mountains” vom 2014er Album “Origins”. Großes Kino. Das merkt man auch daran, dass das Infield voller ist. Diese Band ist auf der großen Bühne wirklich angekommen.

Alte Queen braucht Support

Auch TARJA hat sich bei ihrem Auftritt eine Gastsängerin geholt. Alissa White-Gluz von ARCH ENEMY singt mit ihr. Die bei diesem Jahr eher klein besetzte Band scheint teilweise fast schon etwas verloren auf der großen Bühne. Das Ganze erinnert eher an eine Jazzcombo denn eine Metalband. Umso deutlicher merkt man, dass hier die Sängerin im Fokus steht. Alles andere ist Begleitung. Und so scheinen auch eher nur die TARJA-Die-Hard-Fans im aktiven Publikum zu stehen und diesem Konzert beizuwohnen, das sonst eher kaum Beachtung findet. Schade eigentlich.

Das anstrengende an Wacken ist, dass es quasi immer irgendwo Unterhaltung bietet. Man kann sich von Bühne zu Bühne treiben lassen (im wahrsten Sinne des Wortes bei dem Matsch), Kunst anschauen, Leute schauen, Bier trinken. Oder sonst irgendwas tun.

Und so kann sich bei den vielen Gruppen auf den insgesamt acht Bühnen einen umfangreichen Eindruck über den Querschnitt an Bands und Genres machen. Nur: wo sind eigentlich die Nu Metal-Bands?

Am Freitag Abend spielen noch BLIND GUARDIAN. 2011 noch mit gerade direkt vor der Bühne recht einseitigem Sound, jetzt nur wow! Dumm, wer sich das entgehen lässt. Später auf der Pressekonferenz der Veranstalter wird Thomas Jensen sagen, dass er findet, dass Hansi Kürsch heute merkbar besser bei Stimme ist als 1992. Es gibt schlimmeres.

Auch der Samstag fängt gut an. Eine Band wie DRAGONFORCE gleich auf den 12 Uhr Slot zu setzen ist gewagt, stellt sich aber als eine gute Entscheidung heraus. Die Band ist immer noch wahnsinnig gut an ihren Instrumenten, das Publikum geht steil. Man merkt, dass Marc Hudson inzwischen problemlos in seine Rolle als Sänger in dieser Ausnahmeband hineingrfunden hat.

Auch ESKIMO CALLBOY reissen ein ziemliches Brett ab. Die gerne etwas provokanten Szeneaußenseiter beweisen, dass sie mit großen Bühnen inzwischen gut klarkommen und längst auch eine dementsprechend große Fanschar erspielt haben. So macht Bier trinken und rumpgen Spaß. Und sowas verträgt Wacken auch. Während DEVILDRIVER gerade ihr Konzert auf der Party Stage beenden, ziehen die Organisatoren in einer Konferenz ein erstes Fazit. Sie enden dabei wie quasi jedes Jahr. Wieso können nicht alle wie die Metalheads sein? Eines der wenigen Probleme: die Leute reisen mit immer größeren Fahrzeugen an. Folge: Es werden mehr Campingflächen benötigt und der Boden wird noch mehr in Mitleidenschaft gezogen. Dies ist mit ein Grund für steigende Ticketpreise und auch Geld, das eventuell für die ein oder andere Band fehlt.

STEEL PANTHER ist das egal. Sie sind die bunten Paradiesvögel im schwarzen Wackenschlamm. Die Leute gehen drauf ab. Ganz schmerzfrei liefern sie ihr zwar schon irgendwie bekanntes, aber trotzdem noch weitflächig beliebtes Programm ab. Zumindest findet der Hair Metal so noch eine Art der Representation. TRIPTYKON liefern zur Abendstunde eine solide Show ab, wobei auch hier Simone Vollenweider, die kein festes Bandmitglied ist, mit die Show gestaltet. Der Auftritt ist kein Highlight, die Band bespielt auch regelmäßig das WOA, aber es ist schön, sie zu sehen. Auch das ist Wacken.

Danach kommt ein Konzert, welches zum einen einen Höhepunkt in der diesjährigen Ausgabe des W:O:A darstellt und gleichzeitig zwei Punkte für die Band an sich als auch eines ihrer Mitglieder darstellt. Der letzte Auftritt in Deutschland von TWISTED SISTER stellt gleichzeitig den ersten Auftritt überhaupt von Mike Portnoy in Wacken dar. Dass es soetwas noch gibt. Die Band fühlt sich sichtlich wohl auf der Bühne, Dee Snider rennt agil von einer Seite zur anderen, redet beinahe genauso viel, wie er singt und macht Spielchen mit dem Publikum. “We’re Not Gonna Take It” im Wechsel. Stark.

Wacken brennt

Danach brennen ARCH ENEMY noch ein starkes Set auf der Black Stage ab. Wie kann man diese Band nicht mögen? Der Sound ist fett, die Lightshow auch, die Band ist in Höchstform. Hier sieht man, dass der Metal kerngesund ist. Sie setzen ein großes Ausrufezeichen, bevor es nochmal emotional wird. Durch eine stark ausgetüftelte Technik wird Ronnie James Dio via Hologram zurück auf die Bühne gezaubert. Das ist krass. Würdige Hommage oder pietätlos? Die Reaktionen sind verschieden. Doch dieses Festival steht eh im Zeichen der Erinnerung, gab es doch bereits donnerstags eine Farewell Show für den MOTÖRHEAD-Bassisten Lemmy. Gerechtfertigt auf jeden Fall. Am Ende muss auf Dauer aber jeder für sich wissen, wie er seine Helden in Erinnerung halten will.

So geht ein wie immer sehr abwechslungsreiches Festival im Norden zu Ende. Wacken ist noch da und lebendig. Mal schauen, wo es sich so hinbewegen wird. Die ersten Bands für 2017 stehen bereits fest.