THRICE – The Artist In The Ambulance

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THRICE - The Artist In The Ambulance masterpiece dearly demented

Dieses Album ist ein Masterpiece! Erfahrt mehr zu unserem Special.

Als ich Ende letzten Jahres für das Special damit beauftragt wurde, meine drei Lieblingsalben des Jahres 2015 zu benennen, fiel mir das erstaunlich schwer. Der erste Platz war ja bereits im Oktober 2014 durch die Ankündigung von “Brainwashed” von WHILE SHE SLEEPS belegt worden, allerdings war am Ende des Jahres ein Album auf Platz 2 meiner meistgehörten, welches vor mehr als zehn Jahren veröffentlicht wurde. Die Rede ist von “The Artist In The Ambulance”, dem dritten Album der kalifornischen Post Hardcore-Band THRICE um Dustin Kensrue.

Das Album lag schon eine Weile in meinem Regal ohne größere Beachtung zu finden, was rückblickend betrachtet eine absolute Schande ist. Aber in dieser Zeit war es ja auch relativ ruhig um die Band selbst, nachdem mit “Anthology” im Jahr 2012 erstmal für eine Weile Schluss mit war und sich Sänger Dustin Kensrue seinem Soloprojekt und seinem religiösen Wirken als Gebetsleiter im Bundesstaat Washington widmete. Seine Religiösität spiegelte sich beginnend mit “Vheissu”, dem Album, das auf “Artist” folgte, auch zunehmend in den Texten der Band wieder. Auf “Artist” selbst trifft man jedoch noch beinahe säkulare Texte. Als Kensrue allerdings Ende 2014 seine religiösen Tätigkeiten niederlegte und in der folgenden Zeit immer mehr Hinweise auf eine Rückkehr von THRICE auftauchten, nahm ich das Album dann auch mal wieder in die Hand.

Und es hat sich gelohnt. “Artist” ist in den mittlerweile beinahe 13 Jahren seit Release kein Stück gealtert. Bereits die erste halbe Minute des Openers “Cold Cash And Colder Hearts” zieht einen in einen absoluten Sog, der hungrig nach mehr macht. Und genau das liefern THRICE auch in den folgenden 35 Minuten mit absoluter Präzision ab. Die Band spielt konstant auf einem sehr hohen Niveau mit einer sehr guten Synergie zwischen allen Instrumenten. Besonders deutlich wird das in Songs wie “Hoods On Peregrine”, wo der Bass insgesamt eine sehr prominente Rolle spielt, die Gitarren und das Schlagzeug diesem allerdings in keinem Moment nachstehen. Das ganze arbeitet auf eine Klimax hin, die den Song mit Kensrues Schrei

You think they’re selling the truth/ truth is, they’re selling you out

zu einem abrupten Ende führt, welches für den Hörer allerdings durch das sehr gut gelungene Buildup überaus befriedigend ist.

Überhaupt ist Kensrue eines der wichtigsten Puzzlestücke, die “Artist” zu einem Meisterwerk machen. Seine Texte sind teils poetisch und mit Metaphern gespickt, aber an den Stellen, an denen es zählt auch pointiert. Das beste Beispiel hierfür ist wohl “Cold Cash And Colder Hearts”, welches sehr direkt die passive Einstellung von wohlhabenden Bevölkerungsschichten gegenüber Armut kritisiert, gleichzeitig aber auch einfach lyrisch und musikalisch ein sehr guter Song ist. Das wird in der modernen Alternativ-Szene oftmals übersehen, wenn es darum geht, eine Botschaft zu übermitteln.

Auch werden im Verlaufe des Albums Geschichten erzählt, die zwar einerseits einfach nur als solche gesehen werden können, allerdings immer auch einen sehr persönlichen Bezug haben. “The Melting Point Of Wax” zum Beispiel handelt oberflächlich von der Ikarus-Geschichte, lässt sich allerdings auch auf das Erlernen der eigenen Grenzen beziehen. In diesem Kontext darf man auch den fantastischen Titeltrack nicht vergessen, der musikalisch zwar nicht besonders heraussticht, allerdings dafür umso bewegender die Sinnkrise eines Künstlers aufzeigt, der daran zweifelt, ob Kunst wirklich das richtige Mittel für Veränderung ist: “Rhetoric can’t raise the dead / I’m sick of empty words; let’s lead, not follow.”

Auch im Kontext der Zeit betrachtet ist “The Artist In The Ambulance” ein herausragendes Album. Während AT THE DRIVE-IN und GLASSJAW an der Speerspitze der damaligen Post Hardcore-Szene einen sehr eklektischen Ansatz verfolgten und Elemente von Soul einbrachten (von denen sich später auch Bands wie LETLIVE etwas abgeschaut haben) und die Emo-Welle mit Bands wie SILVERSTEIN, MY CHEMICAL ROMANCE und SENSES FAIL gerade im Anrollen war, verfolgten THRICE einen Ansatz, der sich eher in Richtung Rock und Metal orientierte, ohne jedoch die Wurzeln aus dem Blick zu verlieren. Das zeigt sich besonders in “Paper Tigers”, in welchem Kensrue mehr shoutet als singt und sich dementsprechend auch die Instrumentals anpassen. Kensrues Stimme ist im Vergleich mit den Frontmännern der oben genannten Bands auch eher tief, was diesen Sound erst richtig ermöglicht und das spielen THRICE auch wirklich sehr gut aus. Dazu muss man sagen, dass seine Stimme nicht per se “schön” ist. Aber das ist auch gar nicht das Ziel der Band. Es geht nicht um engelsgleichen Gesang oder sonstige vokale Kunststücke, es geht um ehrlichen Post-Hardcore wie ihn schon FUGAZI spielten, und der braucht halt ordentlich Biss.

Im Laufe der Jahre hat sich auch gezeigt, dass THRICE zu jedem Zeitpunkt weit davon entfernt waren, musikalisch zu stagnieren. Zwar wurde der Sound im Laufe der Alben konsequent verträglicher für die breite Öffentlichkeit − wobei “Vheissu” wahrscheinlich der größte Schritt in diese Richtung war − allerdings war die Band auch in den späteren Jahren künstlerisch mindestens genauso anspruchsvoll wie auf “The Illusion Of Safety”, “Artist” oder “Vheissu”. Das hat natürlich auch dafür gesorgt, dass THRICE für viele aufstrebende Bands als Vorbild und Einfluss gedient haben. Insbesondere zu nennen sind dabei WHILE SHE SLEEPS, die zwar musikalisch einen drastisch anderen Stil verfolgen, allerdings die gleiche Fusion aus eloquenten Instrumentals und Texten, die sowohl Aussage als auch Ästhetik besitzen versuchen und schaffen.

“The Artist In The Ambulance” ist ohne Frage ein Meisterstück, welches auch nach 13 Jahren noch keinerlei Alterungszeichen zeigt. Dustin Kensrues markante Stimme gemischt mit bildhaften aber auch pointierten Texten und einer herausragenden Instrumental-Arbeit sorgen dafür, dass das Album auch nach vielfachem Hören immer noch absolut mitreißend ist. Für jeden, der sich für die (modernen) Klassiker des Post-Hardcore interessiert, ist “Artist” absolut unumgänglich.

10 von 10 Punkte auf der “listen-for-the-sound-as-it-all-comes-crashing-down”-Skala