Ein Sommerurlaub zwischen Putschversuch und Hochzeitsfeier

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“Jetzt erst recht” – oder vielleicht doch nicht?

In seinem Artikel “Jetzt erst recht” hatte Benjamin Chrubasik einige gute Gründe genannt, das Leben weiterhin zu genießen und dem Terror nicht klein beizugeben. Doch was wenn die Bedrohung aus dem eigenen Land kommt und diese Bedrohung für jeden etwas Anderes heißt?
 Ich war zum Familienurlaub in der Türkei und musste feststellen, dass sich einiges geändert hatte.

Es sollte eigentlich ein Familienurlaub werden, so wie früher – meine Familie und ich fliegen gemeinsam in die Türkei, um Verwandte zu besuchen und das schöne Wetter am Strand zu genießen. Dass die politische Lage drüben eh angespannt ist, war nichts Neues. Ich halte mich aus Diskussionen um Politik und Religion aus Prinzip raus – vor allem, wenn ich in der Türkei bin.

Weder bin ich wirklich im Thema drin, noch kann ich mich dem komplett entziehen – war bisher aber kein Problem, da mich niemand zum Thema Politik, einer Stellungnahme gezwungen hat. Das heißt, bis zu den Ereignissen in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli.
 Seit diesem Vorfall gab es kein Gespräch, das nicht in irgendeiner Weise dieses Thema zumindest angekratzt hat, wenn die Unterhaltung länger als drei Minuten gedauert hat.

Es wird Position bezogen, Meinungen erfragt und sich über die Anderen aufgeregt. 
Ich habe mit Menschen geredet, die das Land verlassen wollen und sich in Europa ein neues Leben aufbauen wollen, und auch Befürwortern der Todesstrafe. Und auch ein Paar wenige Stufen dazwischen schien es noch zu geben. Ob Erdogan-Anhänger oder nicht: Die Menschen fühlen sich unwohl und unsicher – aus verschiedenen Gründen.

Ich habe mich auch unwohl gefühlt

Nicht, weil ich Angst vor einem weiteren Putschversuch oder einem terroristischen Anschlag hatte. Es war mehr, weil ich mich fühlte, als wäre ich zwischen irgendwelche Fronten geraten, in einem Konflikt mit dem ich als deutscher Staatsbürger erstmal nichts zu tun habe – aber kann ich mich dem mit meiner Herkunft denn völlig entziehen?

Dieses Unwohlsein schürte aus der Angst, mächtig Stress zu bekommen, wenn ich den falschen Kommentar zum falschen Thema mache. Vier Wochen lang war ich gezwungen, quasi aus Selbstschutz, auf die Frage was ich denn zu dem Putschversuch halte, zu antworten, dass ich darüber leider nicht so viel mitbekommen habe. Die korrupten Medien mussten leider als Ausrede herhalten, sorry.

Dieser Artikel sollte eigentlich die Frage beantworten, ob ich unter den gegebenen Umständen ein Konzert in der Türkei besuchen würde, und zu dem kann ich nach wie vor eigentlich keine klare Antwort geben. Auf der einen Seite sind die Menschen angespannt und der Konflikt scheint allgegenwärtig aufgrund der stark auseinander gehenden Meinungen. Auf der anderen Seite habe ich den ein oder anderen Abend mit musikalischer Untermalung erleben dürfen, beispielsweise ein Auftritt einer Salsa-Band.

Es herrschte eine ziemlich lockere Stimmung, bis der Sänger während des Sets seine politische Position klarmachte. Es gab viel Jubel und Zuspruch, dass einige aus Höflichkeit klatschten und mit grimmiger Miene die Rechnung bestellten, blieb mir jedoch auch nicht verborgen.

Es ist also eine wirklich schwierige Zeit, in der viele Emotionen mitschwingen, leider sind diese zum größten Teil Wut und Hass. Ich hoffe, dass das türkische Volk bald wieder zusammen und nicht gegeneinander voranschreiten kann. Ich mag zwar ein Alman sein und mich nicht mit jeder Meinung identifizieren, welche ich in diesen Wochen gehört habe, aber Zusammenhalt und Liebe ist immer stärker als Wut und Hass
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