Reckless Cruz Eurotour 2016, Hamburg

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Wenn man an Finnland und seine Einwohner denkt, fallen einem wahrscheinlich als erstes die Worte kühl und düster ein. Dass das Ganze einen Vorurteil hat, bewiesen die beiden Finnischen Bands RECKLESS LOVE und SANTA CRUZ auf ihrer “Reckless Cruz Eurotour 2016”. Neben ihren eigenen Hauptbands sind die beiden Fronter Olli Herman (RECKLESS LOVE) und Archie Cruz (SANTA CRUZ) seit einiger Zeit großer Bestandteil der Cover-Superband THE LOCAL BAND, in der auch CHILDREN OF BODOM-Fronter Alexi Laiho und THE 69 EYES-Drummer Jussi69 beteiligt sind. Das Zusammenspiel scheint wohl so gut zu sein, dass sie sich entschlossen haben zusammen auf Tournee zu gehen und die Welt mit Gute-Laune-Hardrock zu überfluten.

Das Rock Café St. Pauli in Hamburg ist wahrlich ein schnuckeliger Ort für kleinere und unbekanntere Bands. Dass der Laden aber an einem Ostersonntag (!) bei diesem Gig etwa 20 Minuten vor Beginn noch ausverkauft melden kann, hätten wohl die wenigsten erwartet.

Das Publikum war bunt gemischt: Von eingefleischten Hard-Rock- und Hairmetal-Fans, in mit Band-Patches benähten Jeanskutten und engsitzender Synthetik-Leggins bis über Fans, die sich eher der dunkleren Szene zuordnen lassen und sogar einige Normalos, bei denen man sich dann doch fragte, warum sie da waren. Es war so ziemlich alles dabei. Der Frauenanteil schien ein klitzeklein wenig höher als der Männeranteil, was aber nicht so auffiel, wenn man nicht gerade darauf geachtet hätte.

Die Musiker von SANTA CRUZ durften sich als erster vom Backstagebereich durch die Menschenmenge auf die Bühne drängeln, denn einen Hinterausgang mit der Aufschrift Staff Only suchte man hier leider vergebens. Heile auf der Bühne angekommen, fingen sie auch schon an das Publikum in den Bann zu reißen. Hard-Rock-Klänge mit schnellen Gitarrenriffs beschallten den vollen Club und es wurde fleißig von einem beachtlichen Teil des Publikums jeder Song mitgesungen.

Bandleader Archie Cruz flirtete sehr gerne mit dem weiblichen Anteil des Publikums und stiftete allgemein immer wieder zum Mitmachen an und zum Song „6 (66) Feet Under“ sollte das Publikum sogar herunter auf die Knie gehen, was sich als ziemlich schwierig herausstellte: Die Flächengröße pro Besucher musste zu dem Zeitpunkt schon etwa um die 30cm² gewesen sein. Etwas wackelig hielten sich die ersten vier bis fünf Reihen auf den Knien (dahinter hatte man die Aufforderungen des Blonden Mannes auf der Bühne einfach ignoriert), bis dann zu Songbeginn endlich in die Luft gesprungen und weitergefeiert werden durfte. Die warme, dicke Luft wurde immer enger und die Zeit verging viel zu schnell, da verließen SANTA CRUZ auch schon die Bühne auf dem gleichen Weg, auf dem sie hingekommen waren – durch die Menschenmasse.

Nach kurzer Umbaupause, in der das Rock Café St. Pauli die Stimmung mit frischer Luftzufuhr und bekannten Songs des gleichen Genres die Menge bei Laune hielt, waren dann Reckless Love dabei, die Bühne zu erobern und stimmten mit dem Song “Animal Attraction” an. RECKLESS LOVE bezeichnen sich selber als die Könige des “Merry Metals” (übersetzt hieße das wohl „Fröhlicher Metal”) und das verkörperten sie auch mit Leichtigkeit bei diesem Gig in Hamburg. Immer mit einem Lächeln auf den Lippen wurde ein Song nach dem nächsten gespielt, dazwischen wurde ziemlich wenig gequatscht. Die Energie wurde da lieber in die Performance der dynamischen Songs gesteckt.

Zum Song “Skandinavian Girls” wurden zur Einleitung Vergleiche zwischen den deutschen und den skandinavischen Mädels gezogen und beim nächsten Song darauf weiter abgeleitet.

“Wisst ihr, was Skandinavische Mädchen mit Deutschen Mädchen gemeinsam haben? Sie wurden geboren um eure Herzen zu brechen.”

Mit “Born To Break Your Heart” befanden sich Reckless Love zu diesem Zeitpunkt schon auf der zweiten Hälfte der Setlist und ließen jeden einzelnen der Anwesenden schwitzen – wenn nicht durch die eigenen Bewegungen, dann definitiv durch die unglaubliche Wärme, die sich in dem Club breitmachte.

Genau wie SANTA CRUZ-Fronter hatte auch Olli Herman definitiv den Hang dazu, mit dem Publikum zu flirten und zu spielen. Er war stets in Bewegung: Befand man sich noch zu Anfang des Konzertes auf der rechten Seite vor der kniehohen Bühne, kam es vor, dass man sich später wohl dank tektonischer Publikumsverschiebung, dem teilweise aggressiven- und rücksichtslosem Tanzverhalten auf der linken Seite wiederfand.

Nach dem offiziell letztem Song “Night On Fire” wurde die allseits bekannte theatralische Prozedur des Zugaberufens seitens der Band kurzerhand abgesagt: Der Backstagebereich befände sich im Keller, die Band hätte sich zweimal durch die Menschenmenge kämpfen müssen und außerdem hätten sie ja eigentlich auch noch gar keine Lust von der Bühne zu gehen. So wurde dann einfach mit der Zugabe, bestehend aus zwei weiteren Songs weitergemacht und noch ein letztes Mal zum Tanzen und Arme heben aufgefordert, bevor sie dann aber wirklich die Bühne verließen.

Das Publikum schien sehr zufrieden mit den Auftritten zu sein, im Rock Café wurde anschließend bei Musik vom DJ-Pult einfach weitergefeiert und ganz nebenbei auf die Bandmitglieder gewartet, die sich teilweise sehr gerne in die Menge mischten, teilweise aber auch nur kurz oder gar nicht blicken ließen.

Als Fazit bleibt zu sagen, dass die Bands für die nächsten Touren in Deutschland gerne mit mehr Publikum rechnen dürfen. Zuschauer ohne Hörschutz könnten wohl mit einem leichten Hörsturz nach Hause gegangen sein. Die Soundqualität litt leider etwas durch ein dumpfes Mixing, welches durch die Lautstärke einfach übertüncht wurde. Dennoch: Der Abend war lohnenswert und hinterließ so einige Ohrwürmer und einen Musikalisch guten Eindruck der Bands.