PUP im Interview

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Wenn TAKING BACK SUNDAY, MODEST MOUSE und DILLINGER einen Dreier hätten

Vor ihrer fast ausverkauften Show in Wiesbaden hat sich PUP-Gitarrist Steve Sladkowski Zeit genommen, um sich mit uns über deutsche Fans und seltsame Musik zu unterhalten.

Bevor wir anfangen: Ich finde euer neues Album großartig! Ihr habt mit “The Dream Is Over” voll ins Schwarze getroffen.

Steve: Vielen Dank. Die Leute haben ziemlich gut auf unser neues Album reagiert. Wir sind tatsächlich sehr glücklich mit dem, was wir zustande gebracht haben – und es ist schön, dass es den Fans auch so geht. Natürlich erwarte ich von niemandem, uns zu mögen. Das ist aber immer so eine Sache, wenn du eine Platte rausbringst. Du schreibst all diese Songs und du baust eine krasse Beziehung zu ihnen auf, weil du jeden Tag an ihnen arbeitest. Sobald das Album jedoch fertig ist und du es raus bringst, weißt du nicht, was die Leute daraus machen. Sie verstehen deine Songs vielleicht ganz anders, als du sie gemeint hast. Ich glaube aber, dass die meisten wissen, worauf wir hinaus wollen. Es wäre ziemlich schwierig, einen Song wie “If This Tour Doesn’t Kill You, I Will” misszuverstehen.

Ihr seid dieses Jahr zum zweiten Mal in Deutschland. Habt ihr mittlerweile so etwas wie eine deutsche Fangemeinde aufbauen können?

Steve: Ja, auf jeden Fall! Jedes Mal, wenn wir hier spielen, kommen mehr Fans zu den Shows und immer mehr kennen die Texte und singen mit. Es scheint so, als gäbe es hier eine sehr treue Community. Wenn Leute in Deutschland Musik mögen und ihnen deine Band gefällt, kommen sie immer wieder zu dir zurück. Das ist super wichtig.

Ist es hier anders als in anderen Ländern?

Steve: Die Deutschen sind sehr gastfreundlich. Die Venues kümmern sich hier so viel besser um uns als da, wo wir bisher waren.

Ehrlich? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Die Deutschen sind ja eigentlich immer ziemlich verschrien.

Steve: Nein, nein… Ich glaube, dass die Deutschen nur sehr direkt sind, aber das ist okay. Ich habe neulich mit einem unserer Freunde aus Münster geredet und auch er meinte, dass Deutsch sehr wörtlich ist. Das denke ich auch. Dafür versuche ich jedes Mal, wenn wir hier auf Tour sind, auf deutsch zu bestellen. Aber ja, mein Deutsch ist scheiße.

Wie sieht es mit den Fans aus? Ist es nicht manchmal komisch, mit ihnen zu reden?

Steve: Nein, gar nicht. Mir ist das sehr wichtig und ich freue mich immer, mit Fans reden zu können. Ich finde es sehr problematisch, wenn eine Band sich von ihren Fans distanziert. Fans  sind das Allerwichtigste. Deshalb versuchen wir jedes Mal, alles zu geben und eine gute Show hinzulegen. Wir freuen uns immer, T-Shirts oder CDs zu signieren, Fotos mit den Leuten zu machen oder einfach nur nach der Show zu quatschen. Wir sind ganz normale Menschen! Wenn du uns auf der Straße siehst und Hallo sagst, grüßen wir dich zurück. Ich denke, es ist wirklich wichtig, auf dem Boden zu bleiben. Schließlich sind deine Fans der einzige Grund, warum du als Musiker existierst. Ich bin so dankbar dafür, dass ich gerade in fucking Wiesbaden sein kann. Die Show ist fast ausverkauft und die Menschen sind aufgeregt. Das ist verrückt! Deshalb versuche ich alles, um den Fans so viel wie möglich zurück zu geben. Nichts davon sollte eine Pflicht sein. Das beste am Touren ist doch, Freundschaften zu schließen.

Glaubst du, dass dir das Touren irgendwann zum Hals raus hängen wird?

Steve: Touren ist auf jeden Fall hart für Beziehungen. Man verpasst so viele Sachen in der Heimat und das ist manchmal schon schwer. Mir gefällt es aber wirklich sehr, auf Tour zu sein – auch wenn das meiner Freundin wahrscheinlich nicht gefallen wird. Sie ist aber sehr verständnisvoll, was das angeht. Außerdem glaube ich, dass wir besser im Touren geworden sind. Das macht es ein wenig leichter. Wir schlafen mehr und sind nicht mehr jeden Abend betrunken. Wir haben alle gelernt, den anderen genügend Raum zu geben und das zu tun, was gut für uns ist– körperlich und mental. Ich wurde auf dieser Tour nur ein Mal krank und das ist gar nicht schlecht. Ich habe auch schon drei Bücher gelesen. Man lernt einfach, wie man das Tourleben seinem Leben zu Hause anpassen kann. Ich denke nicht, dass mir das Touren irgendwann zum Hals raus hängen wird. Wir haben nur gelernt, das ganze besser und gesünder zu handhaben.

Ihr wart dieses Jahr für den Polaris Music Prize nominiert und habt eure Eltern dort als Vertretung hingeschickt, weil ihr auf Tour wart. Dazu haben sie eure Social Media Kanäle übernommen. Wer kam auf diese Idee?

Steve: Unser Agent in Nordamerika, Steven Himmelfarb. Es war echt super witzig und vielen Leuten hat das gut gefallen. Ich habe vor ein paar Tagen sogar mit jemandem gescherzt, dass unsere Eltern bald berühmter sein werden als wir. Wir sollten sie einfach all unsere Interviews und Pressetermine übernehmen lassen.

Habt ihr euch gut von ihnen vertreten gefühlt?

Steve: Ja, auf jeden Fall! Unsere Eltern haben uns auf unserem musikalischen Werdegang begleitet. Ich spiele seit über einem Jahrzehnt in Bands, so wie wir alle. Also ist echt wirklich schön, ihnen etwas zurück zu geben und ihnen einen schönen Abend mit Freibier zu ermöglichen.

Wie haben deine Eltern deine Musikkarriere beeinflusst?

Steve: Ich bin früher immer durch die Platten meiner Eltern gegangen und sie haben mir meine erste Gitarre gekauft. Aus irgendeinem Grund haben sie mich auch unterstützt, als ich an der Uni Musik studieren wollte. Jetzt bin ich fast 30 und spiele professionell in einer Band. Wir haben alle enormes Glück gehabt, dass uns unsere Eltern so unter die Arme gegriffen haben.

Bei Twitter schreibst du, dass du auf weird music stehen würdest. Was ist seltsame Musik für dich?

Steve: Ich mag Avantgarde, experimentelle Musik und klassische Musik des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich lasse mich auch gerne von dieser Musik inspirieren, weil ich denke, dass sie ziemlich gut zu Punk passt. Leute wie John Zorn, John Cage, Meredith Monk, Philip Glass, Steve Reich lehnen etablierte Ideen der Musik ab. Vieles, was Leute wie Karlheinz Stockhausen musikalisch geleistet haben im zwanzigsten Jahrhundert, war eine Reaktion auf die bedrückende und repressive Gesellschaft. Darum geht es im Punk. Avantgarde und klassische Musik sind da sehr interessant, da von Punk mittlerweile eine bestimmter Sound erwartet wird – was natürlich dem widerspricht, was Punk eigentlich ist. Das ist dort nicht so. Außerdem gefällt es mir, mich an Ideen der Klassik und des Jazz zu bedienen und diese mit Punk zu verbinden.

Hört man das auch auf eurem neuen Album?

Steve: Ja, tatsächlich. Sagt dir die Zwölftontechnik etwas? Arnold Schönberg, Alban Berg und andere Komponisten der Wiener Schule haben sie entwickelt. Man spielt jeden Ton der chromatischen Tonleiter ein Mal und wiederholt dies immer wieder. Man kann das vor- und rückwärts machen, hoch und runter. In “Old Wounds” spiele ich so etwas auf der Gitarre. Darauf stehe ich. Der Punk, der mir gefällt, überschreitet solche musikalischen Grenzen. Die Band TELEVISION aus den 70ern und HOT SNAKE haben genau das gemacht. John Coltrane hat meiner Meinung nach den besten Jazz gespielt, der jemals aufgenommen wurde. John Zorn und Anthony Braxton haben genau den gleichen Punk-Geist. Sie ecken an und machen Musik, die teilweise unbequem ist und sich nicht immer schön anhört. Sie bringt dich aber dazu, etwas zu fühlen. Das liebe ich! Zu jazzig, um Punk zu sein und zu punkig, um Jazz zu sein.

Würdest du euch auch als seltsame Musiker bezeichnen?

Steve: Wir benutzen schon ungerade Takte, aber wir lieben auch Popmusik. Deshalb wollen wir etwas machen, was sofort zugänglich ist. Beim genaueren Hinhören soll man aber auch unterschwelligere Dinge entdecken – so wie bei “Old Wounds”. Das versuchen wir zumindest.

Wie würdest du euch einer Person beschreiben, die noch nie etwas von PUP gehört hat?

Steve: Du kannst bei uns mitsingen und Bier trinken. Mir hat mal jemand gesagt, dass wir uns anhören, als hätten TAKING BACK SUNDAY, MODEST MOUSE und THE DILLINGER ESCAPE PLAN einen Dreier. Wer damit nichts anfangen kann, dem sage ich eben, dass wir eine laute und verschwitzte Rockband sind.

Die Fragen stellte Madeleine Schrader