DEADLOCK im Interview

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Frauen im Core?

Fangen wir mit einer für euch wahrscheinlichen Standardfrage an. Ihr habt eine Sängerin in Gruppe. Ist es schwierig, mit so jemandem auch dementsprechend zu komponieren?

John: Ja, es ist schon nicht das Schlechteste, mal Sachen zu machen, die nicht jeder macht. Bisher haben wir eigentlich auch immer nur gute Erfahrungen gemacht. Klar, es gibt immer auch Leute, vor allem Männer im Publikum, die sagen, das  sei shit, also ist die Band nichts für mich. Das ist ok.

Ferdinand: Das ist Geschmack.

John: Das ist Geschmacksache, ja. Aber, am Ende des Tages zählt für mich, wenn ich die fünf Skeptiker bewegen kann bei einem Liveauftritt, wenn die sich mal bewegen, und sagen, ich kann die Stimme von der Uschi nicht hören oder von dem Typen, aber das war ‘ne coole Show, dann ist das schon ein Achtungserfolg, den wir mitnehmen.

Ferdinand: Wir sind ja jetzt auch nicht die einzige female fronted Band. Das wäre wirklich schlecht, wenn das so wäre.

John: Ja gut, das muss man sagen. Es gibt ja immer auch so Stereotypen, gerade auch im Metal, die da bei Konzerten von female fronted Bands „Ausziehen!“ rufen und so weiter. Die leider nicht uns gelten. Obwohl, du bist ja schon halb (deutet auf Ferdinand, welcher obenrum nur eine offene Weste trägt)…

Ferdinand: (lacht) Ich habe es versucht.

John: Ne, aber im Großen und Ganzen wird das akzeptiert. Wer Frauengesang scheiße findet, der darf das auch scheiße finden. Ende.

Ferdinand: Ja.

Scheiß auf den Namen

Achtet ihr dann trotzdem auf Unterschiede bei Klargesang und Growls, oder gibt es da keine Aufteilung, auf die ihr achtet?

John: Ja, es ist schon so, dass wenn du einen Song schreibst und wenn du dann eine Stelle hörst und sagst, das muss da jetzt mehr voran gehen, da machen wir ein bisschen Gebrülle drauf. Und klar, der Chorus, der Refrain, schön mit dem Arsch wackeln, Hände hoch, ein bisschen aus sich raus gehen. Das ist dann eher Clean Gesang, eher klassisch. Ansonsten, mehr Dogmen gibt’s da nicht. Mal zu sagen, schau mal, was songdienlich ist, so wird’s gemacht. Und wenn du bei einem Song mal nur einen kleinen Part gebrüllt hast, oder gar nicht, dann ist das für mich auch ok. Ein, zwei Balladen haben wir ja auch mal gemacht.

Ihr ordnet euch ja auch ein Stück weit Richtung CALIBAN und HEAVEN SHALL BURN ein. Ist euch sowas wichtig? 

Ferdinand: Also was das selbst Hören angeht, läuft bei mir eigentlich generell, was mir gefällt.

John: Genau. Es gibt da keine Grenzen. Klar, HEAVEN SHALL BURN und CALIBAN sind mittlerweile Freunde von uns und wir sind tausendmal mit denen auf Tour gewesen. Gerade zu Anfangszeiten, als dieses Metalcore-Dings so groß geschrieben wurde. Mittlerweile interessiert das auch keinen mehr. Ich glaube, entweder du findest eine Band halt cool, oder du findest sie halt scheiße.

Ferdinand: Aber bei einer Band, die du cool findest, da sagst du ja nicht, die höre ich aber doch nicht, dass ist nämlich Metalcore, obwohl es mir eigentlich ganz gut gefällt.

John: Ich glaube auch, da ist die letzten zwei, drei Jahre gut was passiert, in den Köpfen, dass die Leute das nicht mehr so einkasteln. Ich weiß nicht, ihr Presseleute, ihr kastelt gerne ein, das muss Melodic Metal sein, das ist Metalcore. Ihr müsst es halt vergleichbar machen. Das versteht ja auch jeder.

Ja, ich studiere ja auch Musikwissenschaft. Es gibt da schon auch gerade im extreme Metal Überschneidungen und keine klaren Grenzen. Sam Duun hat zum Beispiel da drüber gedreht.

John: Ok. Ja, da bin ich zum Glück auch Konsument. Ich muss Musik fühlen, und auch ein Album durchhören können. Eine Platte muss Momente haben. Ob das dann eine BATHORY-Aufnahme aus den 90ern ist, wo du eigentlich außer Rumpeln nichts hörst, aber trotzdem eine Atmosphäre da ist, die halt fetzt. Oder ob das eine neue CALIBAN ist, wo du sagst, ey, das ist alles mega aufgepumpt, mega aufgestylt, aber die Songs funktionieren schon.

Viele Leute, die sich damit auseinander setzen und die Bands kennen, die haben da größtenteils eh nicht so starke Scheuklappen.

John: Genau. Und das fällt auch nach und nach, je mehr du dich mit dem Sachverhalt beschäftigst. Das ist halt so dieses Hauptding. Die Leute beschäftigen sich damit. Es wird immer schwieriger. Dringst du mit deiner Message an die Leute ran. Wer nimmt noch ein Booklet in die Hand und liest die Texte mit, so wie wir das in den 90ern gemacht haben. Spotify und so, diese ganzen Streaminggeschichten. Alles cool, es hat alles seine Vorteile. Aber es ist halt alles so austauschbar geworden, eigentlich. Wenn ich mir jetzt vorstellen würde, ich würde jetzt neu anfangen mit dem Thema Metal oder Metalcore, keine Ahnung, wo fängst du denn da an. Ok, SLAYER. Aber dann?

ESKIMO CALLBOY zum Beispiel haben ja total abgedrehte Bühnenshows.

Ferdinand: Ja ok, aber da versteht man eh keine Texte. (lacht)

John: Das ist etwas zu sexistisch, tatsächlich. Nehmen wir mal das Beispiel CALLEJON. Weil die sind ja eigentlich so ein bisschen die lustige PC Version von ESKIMO CALLBOY, wenn man so will. Die sprengen halt Grenzen auf. Ich komme aus dem traditionellen Metal. Für mich ist das ganze Thema Blödelei, Songtexten, komischen Klamotten auf der Bühne… Das widerstrebt mir persönlich. Wenn ich eine geile Metalshow sehen will, dann muss es halt ballern. Das ist mein persönlicher Anspruch. Und wer Bock drauf hat, auf 90er Beats zu hüpfen, ey, bitte, Hauptsache, ihr habt Spaß dabei. Hauptsache, ihr macht nichts kaputt.

Rückbesinnung

Denkt ihr, dass in eurer Musiksparte in Zukunft mehr eine Trennung von Melodien und Rhythmus stattfinden wird und das eine wichtiger wird als das andere?

John: Also, wenn ich das bei uns beobachte, dann würde ich sagen, dass es momentan eine Rückwärtsentwicklung gibt zum traditionellen Metal gibt.

Ferdinand: Rückwärtsentwicklung klingt so böse (lacht).

John: Ja, sagen wir Rückbesinnung. Aber das nimmst du bei ganz vielen anderen Bands auch wahr. Ich hab das neue HEAVEN SHALL BURN Album schon mal heimlich hören dürfen, und dachte dabei schon, das ist mal wieder richtig eine ins Gesicht. Und für mich persönlich ist das, weil ich es einfach hart mag, gut. Eine Zeit lang gab es dann diese post Pop Bands aus Amiland, wo man mehr Livekanäle abgefackelt hat als da eine Band gespielt hat. Das stößt sich halt zurück. Schau dir Bands wie SODOM an. Die kannst du in zwanzig Jahren noch auf die Bühne stellen und die reißen alles ab. Weil’s halt funktioniert.

Offen und ehrlich

Denkt ihr, dass die Szene gegenüber Bands mit Frauen drin offener wird und diese so ihren Sonderstatus verlieren?

John: Ja, schon. Bei BEYOND THE BLACK zum Beispiel, die Jennifer haben, die hat ja an sich schon eine hammer Stimme. Auch die Platte ist gut produziert. Was die Leute an der Band wahrscheinlichen einfach eher stört, ist, dass sehr offensiv zu Werke gegangen wird und das eine Reißbrettband ist und die durchgestylt ist. Und ich glaube, das ist einfach der Punkt. Ich meine, wir haben es immer noch mit Metal zu tun. Ob melodisch oder schön geföhnt, oder rough und roh, du musst einer Band einfach immer abnehmen können, dass sie das macht, was sie macht, weil sie es geil findet. Und nicht, um 2.000 Platten zu verkaufen. Und ich glaube, das ist das Problem von BEYOND THE BLACK.

Die Leute merken und wissen ja, woher eine Band kommt.

John: Eben. Das ist es ja. Ich habe ja auch von Berufs wegen mit dem Vermarktungs- und Marketingtheme sehr verbunden, ich bin da sehr interessiert. Ich finde das auch immer klasse, wie das dann funktioniert. Aber so das kleine Metallerherz in mir, das sagt sich dann so, naja, ne, dann lieber kleine Clubshows und ehrlich.

Ferdinand: Aber insgesamt glaube ich schon, dass die Leute im Metal da schon offener werden.

John: Ja, auch jeden Fall.

Ferdinand: Jetzt bei OATHBREAKER, das ist keine Hardcore-Band, keine Metalband. Aber da wird das female fronted total abgefeiert. Die wären wahrscheinlich nicht so erfolgreich wenn sie nicht female fronted wären. Auch ein bisschen awkward, aber, ok…

John: Ich glaube, female fronted wird im Metal nie so ein riesen Ding werden. Das wird eher immer eine Niesche bleiben.

Ferdinand: Vielleicht werden es mal 50%.

John: Naja… Schlecht wäre es nicht.

Ferdinand: Eigentlich sollte es scheißegal sein. Entweder man mag die Stimme oder man mag sie nicht.

Eine Band kann ja immer einfach erstmal das spielen, worauf sie selbst Lust hat.

John: Klar, Das haben wir ja auch gemacht. Wir haben zwischendrin mal einen Wechsel bei den Sängerinnen gehabt. Zwei Shows haben wir auch mal ohne Sängerin gespielt. Mehr oder weniger so aus Versehen, weil Schwangerschaftsvertretung und dann doch schlecht geworden. Und bei uns war die Sache dann sehr schnell klar, dass wir eine neue Sängerin brauchen.

Ferdinand: Lustigerweise gibt es aber noch viel weniger weibliche Musikerinnen.

John: Das stimmt.

Ferdinand: Also, fronted gibt es ja schon. Aber Musikerinnen gibt es halt noch viel viel weniger. Also das ist bemerkenswert.

TRIPTYKON haben eine Bassistin.

Ferdinand: Ja genau, TRIPTYKON.

John: DIE APOKALYPTISCHEN REITER hatten mal eine Gitarristin. Aber insgesamt ist das sehr reduziert.

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