Musik-Streaming und die Labels – Patrick Walch von Nuclear Blast im Interview

Artikel von
Ab Montag - die Themenwoche "Musik-Konsum im digitalen Zeitalter"!

Nachdem die letzten zwei Tage Spotify, das Konzept der Musik-Streaming-Dienste und die Bedeutung für Bands vorgestellt wurde, spricht DEARLY DEMENTED heute mit Patrick Walch, Head Of Digital Sales, Online Marketing und New Media International der Nuclear Blast GmbH, über die Beziehung von Musik-Labels zu Streaming-Angeboten.

Patrick, seit wann ist Nuclear Blast mit seinen Künstlern auf Spotify vertreten und wieso hat sich das Unternehmen zu diesem Schritt entschlossen? 

Patrick Walch: Wir waren von Anfang an an Bord. Unsere Digitalvertriebe verhandeln und schließen Lizenzdeals mit digitalen Services ab, von denen sie der Meinung sind, sie nützen uns mehr, als dass sie uns schaden. Wenn wir damit nicht einverstanden sind, können wir da natürlich jeder Zeit den Stecker ziehen.

Treffen Bands und Künstlern dabei selbst Entscheidungen oder übernimmt Nuclear Blast das?

Patrick Walch: Wir liefern standardmäßig alle unsere Releases an alle legalen Digital-Services, mit denen unsere Vertriebe einen Vertrag haben. Hat ein Künstler da Bedenken, besprechen wir das zusammen und wenn er strikt dagegen ist, dann respektieren wir natürlich seinen Wunsch. Manche unserer Alben wurden dadurch erst Monate nach offiziellem Veröffentlichungstermin auf Streaming-Services wie Spotify verfügbar gemacht.

Welche Chancen bietet Spotify, zum Beispiel in Sachen Album-Promotion?

Patrick Walch: Bei größeren, für Spotify relevanten Künstlern, kann man Banner, Audio-Ads und Marketing in Form von redaktionellen Posts in deren Blog oder Social Media-Seiten für ein neues Album bekommen. Aber wir machen auch selbst Promo auf Spotify in Form von Track Commentary-Versionen und Playlisten und generell finde ich persönlich Streaming Services sehr praktisch zum Musik entdecken. Vor allem Singles sind hier wichtig um einen ersten Eindruck von einem kommenden Album zu bekommen, ohne gleich etwas kaufen zu müssen.

Soweit die Vorteile, aber welche Nachteile haben Streaming-Dienste, zum Beispiel im Bezug auf Absatzzahlen von Downloads und Tonträger? Wie kann sich diesem Trend anpassen?

Patrick Walch: Naja, wir sind sicher, dass jemand, wie ich selbst auch, keine Alben mehr kaufen wird, wenn er sie in seiner Spotify-App jederzeit anhören kann. So werden pro Premium-Nutzer nur noch knapp zehn Euro pro Monat in das Musikbiz gesteckt. Einige dieser Nutzer haben vor der Ära Spotify sicherlich mehr Geld monatlich für Musik ausgegeben und das fehlt natürlich allen Musikschaffenden und allen, die daran beteiligt sind. Andernfalls gibt es sicherlich auch einige Andere, die vorher weniger oder gar nichts für Musik bezahlt haben. Die zahlen jetzt zumindest regelmäßig etwas in den Pott. Wir können nur hoffen, dass sich das am Ende zumindest ausgleicht…

Kann Spotify als relevante Einnahmequelle gesehen werden oder sind die Verdienste zu gering?

Patrick Walch: Zum Glück sind wir nicht nur auf Umsätze aus Streaming angewiesen. Ein Großteil des Musikumsatzes kommt, zumindest hierzulande, noch aus physischen und digitalen Verkäufen. So co-existieren momentan mehrere Formate und jeder kann Musik konsumieren wie er möchte, seinen Vorlieben und seinem Geldbeutel entsprechend.

Das heißt, dass sich dieses Bild nicht international widerspiegelt?

Patrick Walch: In anderen Ländern sieht die Verteilung zwischen den gängigen Formaten teilweise ganz anders aus. In Schweden oder Norwegen zum Beispiel kommt mittlerweile der Großteil des Umsatzes von Streaming-Services, einfach weil die sich dort von Anfang an durchgesetzt haben, es schon frühzeitig Bundle-Deals mit den dortigen Mobilfunkbetreibern gab und es dort schon länger immer weniger physische Musikgeschäfte gibt. So führt natürlich eins zum anderen und ein Format löst aus praktischen Gründen das andere ab. Somit kommen aus diesen Ländern schon nicht zu verachtende Umsätze, die die Einbußen bei anderen Formaten mehr oder weniger auffangen.

Sind die Streaming-Dienste denn generell als Ersatz für schlechtere Verkaufszahlen von Tonträgern oder als zusätzlicher Markt zu sehen?

Patrick Walch: Generell darf man Streaming auch nicht mit anderen Verkäufen vergleichen. Traditionell wurde ein Album einmal verkauft, dann war es das. Nun wird ein Album nicht mehr einmalig vergütet sondern regelmäßig über einen längeren Zeitraum, je nachdem wie oft es angehört wird, abgerechnet. Ich finde das Modell dem Künstler gegenüber eigentlich fairer, denn so gibt es auch keine Fehlkäufe mehr. Aber man braucht natürlich, vor allem auch als Label, einen viel längeren Atem, bis man die vorab an den Künstler geleisteten Vorschüsse über diese Modelle nach gewisser Zeit wieder eingespielt hat.

Dementsprechend lässt sich beispielsweise SABATON und SUICIDE SILENCE, die Fans in unterschiedlichen Ländern und Altersklassen haben, ein Unterschied in der Wirksamkeit von Spotify sehen – oder?

Patrick Walch: So wie sich der Musikkonsum, verteilt auf verschiedene Formate, geographisch unterscheidet, gibt es natürlich auch starke demographische Schwankungen. Generell können wir bei Bands mit jungen Fans und bei Bands mit überdurchschnittlich vielen Fans aus Skandinavien höhere Einnahmen durch Streaming verzeichnen als bei allen anderen.

Nach welchem Quotienten wird das Geld zwischen Nuclear Blast und den Künstlern aufgeteilt?

Patrick Walch: Darüber darf ich natürlich keine detaillierte Auskunft geben, aber das hängt von verschiedenen Faktoren ab und wird zwischen Label und jeweiliger Band entsprechend verhandelt.

Welchen Einfluss hat Spotify auf die Beliebtheit von Bands? Welche Band / welches Album ist der Kassenschlager bei Nuclear Blast? Gibt es da Differenzen zwischen physischen Käufen, Downloads und gestreamten Werken?

Patrick Walch: Wie gesagt finde ich persönlich Spotify super zum unverbindlichen Reinhören und Bands entdecken. Generell ist Streaming interaktiver, Fans können eher dazu beitragen, ihre Lieblingsband bekannt zu machen. Fans erstellen Playlisten, teilen sie mit ihren Freunden in sozialen Netzwerken oder empfehlen sich einzelne Songs et cetera.

Und wie oben erwähnt funktionieren manche Sub-Genres und Bands mit hauptsächlich jüngeren Fans besser in moderneren Musikformaten als andere. Bestes Beispiel ist tatsächlich SABATON, mit ihrer Homebase in Schweden, woher auch Spotify stammt, und vielen jungen Fans. Andere Bands wie zum Beispiel ACCEPT, die eher ältere Fans haben, wovon ein Großteil sicherlich aus Deutschland stammt, generieren dadurch eben weniger Streams aber verkaufen dafür noch mehr physische Produkte. NIGHTWISH sind beispielsweise zögerlicher was Streaming angeht, sie wollen ihre Alben erst Monate nach Veröffentlichung auch zum Streaming freigeben, sind aber sicherlich nicht unbeliebter als andere Bands. Ich denke vor allem für kleinere, jüngere Bands sind Streaming Services unerlässlich um von potentiellen Fans entdeckt zu werden, größere Bands können es sich momentan noch leisten, darauf, zumindest für eine Weile, zu verzichten. Aber für die Musikkonsumenten ist es natürlich besser, wenn sie all ihre Lieblingsbands für ihre € 10 pro Monat hören können und nicht nur eine Auswahl dessen bekommen.

Noch können Bands darauf verzichten, sagst du. Wie wird sich der Markt in Zukunft entwickeln? Wie siehst du als Head of New Media die Chancen des digitalen Musikgeschäfts?

Patrick Walch: Das ist wirklich schwer zu sagen und ich hätte gerne eine sichere Vorhersage, denn dann würde ich in entsprechende Aktien investieren!

Wie wir in den letzten Jahren gesehen haben, sind totgesagte Formate wie Vinyl oder in kleinerem Ausmaß in manchen Ländern sogar die Musikkassette wieder auferstanden. Natürlich werden sich digitale Formate weiter verbreiten, da sie für den User einfach günstig und praktisch sind, aber nach wie vor gibt es, vor allem im Metal, noch unzählige Fans, die CDs oder Schallplatten sammeln und immer noch ein physisches Produkt ihrer Lieblingsbands in den Händen halten wollen. Das haben wir auch nicht zuletzt den schönen Artworks, sowie den limitierten, aufwändig gearbeiteten Boxsets und Special Editions in unserem Mailorder zu verdanken.

Die meisten Leute sind es einfach noch gewohnt, Musik zu besitzen, statt nur für den Zugang für Musik zu bezahlen, denn wenn man sein Abo kündigt, ist alles weg.

Also geht der Trend zur Co-Existenz?

Patrick Walch: Ich kann mir gut vorstellen, dass verschiedene physische und digitale Formate noch lange Zeit parallel existieren werden, doch die technische Entwicklung schreitet immer schneller voran und man findet schon heute kaum noch CD-Player für Autos, denn es gibt ja überall USB- oder iPhone-Anschlüsse… Aber solange Musikfans bereit dazu sind, in irgendeiner Form für Musik zu bezahlen, wird es auch weiterhin professionelle Musiker und Labels, die sie vermarkten und vertreiben, geben können.

Vielen Dank, Patrick, für das aufschlussreiche Interview und die Einblicke in die Musik-Branche! 

Einen Überblick zur Themenwoche findest du HIER