Warum Meet & Greets scheiße sind

Artikel von
meet&Greet

Die Lungen leer, die Beine müde und das Portemonnaie schmal – dafür aber ein unvergesslicher Abend mit geiler Musik, viel Freude und einem neuen Band-T-Shirt. Jetzt nur noch auf die Band warten und die Eintrittskarte signieren lassen. Danach den Abend im Busfenster vorbeiziehen lassen und Revue passiert lassen. Perfekt.

Für mich war es früher das Größte, nach dem Konzert noch länger in der Halle oder dem Club zu bleiben und auf die Bands zu warten, Früher oder später kamen sie aus dem Backstagebereich gekrochen, meist schon nach wenigen Verschnaufminuten direkt nach dem Auftritt. Dann konnte man seine Helden ansprechen, wenn man sich überhaupt getraut hat, um nach einen Autogramm oder einem Foto fragen. Vielleicht konnte man auch zwei oder drei Sätze mit den Musikern wechseln, meistens nahmen sie sich gerne die Zeit, der Club war sowieso schon so gut wie leer und ihr Tour-Bus fuhr meist mitten in der Nacht los.

Das war Mitte der 00er Jahre. Utopie? Vielleicht. Zehn Jahre später hat sich die Konzertlandschafts definitiv einer Metamorphose unterzogen. Doch anstatt, dass aus dem Kokon ein schöner Schmetterling wächst, ist es eine triste Dystopie geworden. Insbesondere die Grenze zwischen Bands und Fans wird immer größer. Mind the gap – ist diese Durchsage bald nicht nur in Londoner U-Bahnen, sondern auch auf deutschen Konzerten zu hören?

Musiker sind höhergestellt – und dieser Rangfolge unterwerfen wir uns nur zu gerne. Das passiert ganz einfach dadurch, dass wir ihre Musik kaufen und ihnen auf Konzerten zujubeln. Dass Menschen Helden und heroische Persönlichkeiten – seien dies geschichtsträchtige Personen, politische Meinungsträger, Fußballer oder eben Musiker – brauchen, ist natürlich. Aber diese Abhängigkeit auszunutzen und zu einem Geschäftsmodell umzuwandeln, ist verkehrt.

Weltstars, meist sind dies Bands mit einem Majorlabel-Deal, bieten Meet & Greets an. Diese gibt es entweder zu gewinnen oder als Special Ticket zu kaufen. Das heißt zu den regulären Konzertkosten, die für das Hallenticket anfallen, addiert das Label beziehungsweise die Band einen extra Betrag, um Fans die exklusive Möglichkeit für ein Backstage-Meeting zu offerieren. Wo ist denn da die Fannähe? Das ist Kalkül. Das ist Business. Das ist Kapitalismus. Und noch viel mehr – aber definitiv ist das nicht fair seinen Anhängern gegenüber.

Aus strategischer Marketingsicht ist es clever, sich als Band rar zu machen und in bedingtem Maße das Bild eines Rockstars aufrecht zu halten, doch abheben sollte niemand. Insbesondere Jugendliche suchen Vorbilder und verfallen dabei oft großen Pop-Stars, die es in diesem Sinne auch im Metal gibt, wenn man Pop nicht als Musikgenre, sondern in seiner Ursprungsbedeutung (populär, also bekannt) nimmt. Das Musik-Business zieht jungen Fans mit Leichtigkeit das Geld aus der Tasche: Und wenn noch etwas Geld nach Ticket und Merch übrig ist, möchten sie sich vielleicht einmal etwas mehr leisten um so ihren Idolen näher zu kommen. Wenigstens einmal die Hand schütteln. Wenigstens einmal ein gemeinsames Foto. Und damit dieser Wunsch kein Traum bleibt, muss Geld fließen: Meet & Greet.

Es kann für beide Seiten argumentiert werden: Natürlich kommen die großen Bands, die vor mehreren Tausenden spielen, nicht immer an den Merch-Stand – Belagerungen und Hysterie wären dabei sicherlich noch die umgänglicheren Fanreaktionen. Aber: Wer eine Person des öffentlichen Lebens ist – und das sind Musiker mit Sicherheit – muss mit allen Konsequenzen, eben auch der Kehrseite von Ansehen, nämlich der intensiven Gefragtheit, rechnen. Viele Musiker geben die Freude, welche sie mit ihren Fans teilen, als Motivation an. Aber Teilen funktioniert nur mit Augen- und vielleicht auch Körperkontakt und nicht aus dem Backstage-Bereich in den Innenraum hinein.

Distanz, schön und gut. Auch Privatsphäre soll den Damen und Herren an den Instrumenten gegönnt sein, aber ein bisschen Nähe zu denjenigen, die es überhaupt möglich machen, dass sie on the road sind und möglicherweise von der Musik leben können, sollte ebenfalls außer Diskussion stehen. Es würde ihr Ansehen bei vielen, wenn nicht sogar allen Besuchern ins Unermessliche schießen lassen, denn für manche, auch für mein sechzehn-jähriges ich vom Anfang, war und ist es auch immer noch großartig mit seinen Lieblingsbands wie normalen Menschen zu schnacken.

Würdet ihr Geld ausgeben, um eure Lieblings-Band zu treffen? Sagt es uns auf unseren Social Media-Kanälen!

facebook2-3youtube2-3twitter2-3Google+2-3