Die Dearly Demented-Städtereise mit DEADEND IN VENICE: Leipzig

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Städtereise – die beliebte Serie auf DEARLY DEMENTED geht in die nächste Runde. Dieses Mal sprechen Frank und Christian von DEADEND IN VENICE über Leipzig – und erzählen sowohl Skurilles als auch Informatives von ihrer Stadt.

Welchen Charme versprüht Leipzig? Ist der Osten, der für Wessis oft als trist gesehen wird, zu spüren?

Frank: Überhaupt nicht. Aufgrund der für ostdeutsche Städte typisch hohen Anzahl an Sanierungen nach der Wende hat Leipzig seinen vielleicht früher existierenden grauen Schleier lange abgelegt und wirkt auf mich sehr frisch und lebendig. Der Charme liegt aber vor allem in der im Vergleich zu anderen Großstädten geringen Größe und der dennoch hohen kulturellen Vielfalt. Die dabei zu spürende Lebendigkeit wird nicht zuletzt auch durch die hohe Anzahl an jungen Studierenden getragen. Daneben beherbergt die Stadt aber auch viele Kunstschaffende, die das Bild maßgeblich prägen und so eine frische und innovative Atmosphäre schaffen.

Woher stammt euer Bandname – wäre nicht DEADEND IN LEIPZIG passender gewesen? ;)

Christian: Zur Bandgründung gab es nur einen einzigen Leipziger in der Band. Von daher hätte man da schon ein wenig in die Zukunft blicken müssen und DEADEND IN MEERANE kam irgendwie nicht in Frage. Der Name jedenfalls zielte damals auf das Absinken Venedigs und den damit verbundenen Gedanken, dort in einer Sackgasse, quasi ohne Ausweg gefangen zu sein. Das Problem des ansteigenden Meeresspiegels in diesem Bild und als globalem Synonym für die, durch den Mensch verursachten Schäden an Erde, Natur und natürlich auch an sich selbst. Das Wortspiel in Bezug auf Thomas Manns “Der Tod in Venedig” war auch nett, kam mir aber nicht zuerst in den Sinn. Zu Leipzig kann man allerdings noch erwähnen, dass es in der Tat mehr Brücken als das in dieser Hinsicht bekannte Venedig hat.

Renovierte Gebäude, Studierende und Künstlerm, das klingt nach einer symphatischen Stadt. Wie bietet das Stadtbild sonst noch?

Frank: Wir haben ein sehr schönes Zentrum, welches neben Relikten der DDR-Zeit, wie dem Gewandhaus Leipzig oder dem “Uniriesen” auch aus vielen sanierten Altbauten besteht. So befindet sich im Zentrum die Nikolaikirche, die Thomaskirche, die alte Börse oder das Neue Rathaus. Zu erwähnen ist hierbei auch das Barfußgässchen mit seinem alten Charme. Beim Gang durch das Zentrum lohnt sich auf jeden Fall ein Blick nach oben auf die vielen architektonischen Details der Gebäude. Auch der neu entstandene Campus der Uni Leipzig befindet sich direkt im Zentrum.

Die Bezirke um das Zentrum sind ebenfalls von vielen sanierten Altbauten gekennzeichnet. Vor allem im Westen Leipzigs stehen dem Ganzen dann noch alte Fabrikgebäude aus Zeiten der Textilindustrie gegenüber, die zum Urban Exploring einladen.

Leipzig gehört wohl auch zu den drei grünsten Städten Deutschlands. Die Innenstadt wird von einem Promenadenring umfasst, der aus vielen kleineren und größeren Parks besteht und schließlich im Auenwald mündet. Außerdem werden Teile der Innenstadt sowie der Süden und Westen Leipzigs von vielen Wasserstraßen durchquert, die bis zum Cospudener See und schließlich dem “Neuseenland” im Süden der Stadt reichen.

Das klingt ja alles nach dem Place-to-be! Gibt es denn auch unschöne Orte?

Frank: Als Bausünde fallen mir spontan die Höfe am Brühl ein, die nach dem Abriss der drei zehngeschossigen DDR-Plattenbauten hinter der sogenannten “Blechbüchse” am Brühl 2010 entstanden. Durch den Abriss wurde der Blick auf die dahinterliegenden Renaissancegebäude frei, welcher allerdings nun wieder durch einen schwarzen Kastenbau verdeckt wird.

Welches sind deine Lieblingssehenswürdigkeiten.

Frank: Im musikalischen Bereich auf jeden Fall das Grassi Museum. Dort kann man sich eine der größten Musikinstrumentensammlungen der Welt anschauen. Diese zeigt einen Querschnitt aus fünf Jahrhunderten Musikgeschichte und somit auch manch exotisches Instrument. Sehr interessant ist dabei auch das hauseigene Klanglabor in dem man verschiedene Musikinstrumente ausprobieren kann. So bietet beispielsweise ein transparentes Klavier Einblick in den Aufbau und die Funktionsweise.

Sehr imposant ist das Völkerschlachtdenkmal im Südosten der Stadt. Mit einer Höhe von etwa neunzig Metern bietet es einen tollen Blick über Leipzig auch wenn der Aufstieg mit dreihundervierundsechzig Stufen etwas mühsam ist. In und um das Bauwerk gibt es viele Informationen zur Völkerschlacht 1813 und zum Bau des Denkmals zu entdecken. Auch sehr sehenswert ist der danebenliegende Südfriedhof, der als größter Parkfriedhof Europas gilt und mit seinen Bauwerken ebenfalls beeindruckt. Stichwort Gargoyles!

Eine etwas andere Sehenswürdigkeit ist die Absintherie Sixtina mitten im Zentrum von Leipzig. Sie bietet neben einer imposanten Inneneinrichtung im Stile alter Gemäuer mehr als einhundert verschiedene Spirituosen im Zeichen des Absinths.

Christian: Cheers!

Was bietet Leipzig für Schüler, Azubis und Studierende mit kleinem Geldbeutel?

Frank: Eine lebendige Stadt mit vielen jungen Leuten und einer großen kulturellen Vielfalt. So stehen Theater, Kabarett, Oper sowie zahlreiche Museen einer alternativeren Szene mit kleinen Ateliers in Hinterhöfen und Veranstaltungen fernab des Mainstream gegenüber. Und das alles zu einem erschwinglichen Preis auch in Bezug auf Wohnraum.

Wo kann man Abends was erleben? Wo gibt’s die geilen Parties?

Frank: Als Partymeile ist die Karl-Liebknecht-Straße in der Südvorstadt sehr beliebt. Dort gibt es unzählige Kneipen und Musikbars. Man findet dort fast alles, von irischen Pubs wie dem Killy Willy und dem McCormacks bis hin zu amerikanischen Rock ‘n’ Roll Bars, wie dem Bepopalula. In einigen Kneipen, wie dem Big Easy oder dem Black Label finden auch regelmäßig kleinere Rockkonzerte statt. Wer eher auf Jazz und Blues steht, sollte mal Leipzigs ältester Musikkneipe, dem Tonelli’s, einen Besuch abstatten. Hier finden neben Konzerten auch regelmäßig Open-Jamsessions statt, bei denen man sich mit Musikern zum gemeinsamen Musizieren und Gedankenaustausch treffen kann. Wem das alles zu überlaufen ist, kann aber auch im Leipziger Westen auf der Karl-Heine-Straße und Umgebung in zahlreichen alternativen Kneipen, wie dem “Noch besser Leben” oder “Doktor Seltsam” ein Bier trinken gehen oder aber diverse Independentparties im Westwerk oder der Damenhandschuhfabrik besuchen.

Ansonsten laden das Dark Flower oder auch die Villa Leipzig regelmäßig zu Parties verschiedener Jahrzehnte ein. Erinnerungswürdig dabei die 90er Jahre Parties in der Villa. Whow! Und wer dann nach um sechs früh immer noch in Partylaune ist, der kann nochmal im Flower Power absteigen. Eine Kneipe im Stil der Hippiezeit der 70er Jahre mit Öffnungszeiten bis an den nächsten Mittag ran.

Christian: …nicht dass wir sowas schon jemals miterlebt hätten…

Wer nicht auf Hippies, sondern auf waschechte Metal-Partys und Hardcore-Shows steht, findet in Leipzig auch Anschluss?

Frank: Ja, neben Bach und Mendelsohn hat die Stadt auch einiges an Metal und Hardcore-Punk zu bieten. So hat Leipzig Bands wie DARK SUNS und DISULLUSION als auch MIMOSIS, CAROOZER, LIGHTNINGS EDGE, oder BLINDGÄNGER hervorgebracht, um mal ein paar zu nennen, die mir spontan einfallen.

An Konzertlocations kommen mir sofort das Conne Island im Hardcore/Punksektor in den Sinn und das Hellraiser sowie Bandhaus, welche sehr viele Metalkonzerte veranstalten. Außerdem finden auch Konzerte in diesem Bereich in der Moritzbastei, Haus Auensee, Werk 2, Halle 5 oder Villa Leipzig statt. Wenn man es undergroundiger mag, sind Clubs wie das Atari, das E35, der Metalschuppen, Gießer 16, das VMax oder das Plaque gute Adressen.

Eine Location, die ich persönlich noch sehr cool finde, ist das UT-Connewitz. Ein altes Theater, indem in größeren Abständen auch Metalkonzerte, vor allem im Doombereich, stattfinden. Atmosphäre einfach episch! Als Metalorganisation sei noch auf die Metalheadz hingewiesen, die nicht nur Metalkonzerte sondern auch Discoveranstaltungen und Parties in dem Bereich in Leipzig und Umgebung veranstalten. Legendär hier ein Konzert von DEBAUCHERY in der Halle 5 Anfang 2013.

Welche DEADEND IN VENICE-Orte gibt es in der Stadt?

Frank: Natürlich unseren Proberaum in der alten Pianofabrik in Leutzsch. Nach einigen wechselnden Locations haben wir dort jetzt endlich einen langfristigen Raum gefunden, sodass wir in nächster Zeit hoffentlich von einem erneuten Umzug verschont bleiben. Denn aufgrund des Ungleichgewichts einer hohen Anzahl an Bands, aber geringer Anzahl an geeigneten Locations, ist es gar nicht so einfach etwas zu finden. Nach unserem Umbau im letzten Jahr haben wir aus einer gefühlten Abstellkammer ein Wohnzimmer geschaffen, in dem eine gemütliche Atmosphäre zum Proben herrscht.

Christian: Frank schafft sogar etwas eigenwilliges Flair, indem er den Proberaum für Metalverhältnisse ziemlich penibel sauber hält und ihn schick mit Pflanzen dekoriert hat.

Frank: Weiterhin sei die Casa del Klein in Lindenau genannt. Eine WG, bestehend aus unserem Bandehepaar Kevin und Annabell und unserem Roadie Silv. Dort haben wir eigentlich das meiste Material unseres letzten Albums geschrieben und auch vorproduziert. Manchmal sehr zum Leidwesen unseres Roadies, der so manche Nacht um seinen Schlaf gebracht wurde, wenn Christian mal wieder Growls aufnahm. Mit den Nachbarn gab es dabei glücklicherweise nie Probleme, da diese nicht aus “normalen” Bewohnern bestanden sondern bis vor Kurzem aus luftigen Mädels, die dort ihr Tagwerk schafften. Das dort eine Art Freudenhaus in den Wohnungen der unteren Etagen betrieben wurde, war uns bei der Wohnungsbesichtigung erst gar nicht bewusst, da die Vermieterin von einem Massagesalon sprach. Aber wie gesagt, letztendlich nur zum von Vorteil für uns, da wir ungestört produzieren und auch den ein oder anderen Blick auf leicht bekleidete Damen beim Erklimmen der Treppe bis ins Dachgeschoss genossen, da wir des Öfteren auch für Kundschaft gehalten wurden. Im Nachhinein betrachtet, ist es schade, dass wir nicht mal eine gemeinsame Party veranstaltet haben…

Als weiteren Ort muss man auf jeden Fall das Bandhaus in Leipzig-Plagwitz nennen, indem wir nicht nur unsere Record-Release-Show zu “A View From Above” abfeierten sondern auch schon oft geile Konzerte gespielt, aber auch gesehen haben. Ein gemütlicher Keller für circa einhundertachtzig Personen, mit immer wieder coolen Bands und Publikum. Absolut erwähnenswert hierbei auch das Catering. Immer selbst gekocht und verdammt lecker. Ich denke da nur an das letzte Mal: selbstgemachte Klopse mit Kapernsoße: YES!

Christian: Spinat mit Hackfleisch war eine viel geilere Offenbarung!

Frank: Betrieben wird das Ganze von der Bandcommunity Leipzig. Einem Verein, den ich schon aus alten Zeiten mit unserer damaligen Gothic-Metal-Band MONOBLOCK kenne und der über die Jahre eine echte Institution für die Förderung von jungen Bands in Leipzig geworden ist.

Danke, Frank und Christian, für die Informationen über eure Stadt Leipzig!