BLINK-182 – California

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Kaum einem Album wurde so erwartungsvoll entgegen gefiebert, wie der neuen BLINK-182 Scheibe “California”. Auch ich konnte es kaum abwarten, die Songs zu hören, schon alleine aufgrund der signifikanten Veränderungen des Bandgefüges meiner Jugendliebe aus San Diego. Wie würde die Band den Ausstieg von Gründungsmitglied und Erkennungsmerkmal Tom Delonge verkraften? Schaffen es die Pop-Punker, sich auf ihre alten Stärken zurückzubesinnen oder haben all die Querelen und musikalischen Experimente der vergangenen Jahre Spuren hinterlassen? Erwartet uns ein ähnlich fader Output wie das 2011 erschienene “Neighborhoods”, welches in seiner Ganzheit ziemlich unfertig und wie ein schwacher Kompromiss unterschiedlicher Vorstellungen der Bandmitglieder wirkte?

Vorweg möchte ich diese Fragen folgendermaßen beantworten: “California” ist zu 100 Prozent BLINK-182! Auf insgesamt 16 Songs präsentiert sich die Band in dem Gewand, in welchem man sie kennen und lieben lernte. Obwohl sich Neuzugang Matt Skiba hervorragend integriert hat und auch Live zu überzeugen weiß, vermisst man an der ein oder anderen Stelle doch die Stimme seines Vorgängers Tom. Dieser Verlust konnte nicht komplett aufgefangen werden. Das vorher so markante Wechselspiel der Stimmen der Herren Hoppus und Delonge ist leider nicht mehr vorhanden. Die Organe der beiden Sänger ähneln sich nun viel mehr als dies früher der Fall war.

Nichtsdestotrotz legt die Band auf diesem Longplayer eine Spielfreude an den Tag, welche man ihr fast nicht mehr zugetraut hätte. Der Albumtitel  “California” wurde ziemlich passend gewählt, wie ich finde. Stimmungstechnisch kehrt die Sonne Kaliforniens zurück in das Songwriting der Band. Schon der erste Song, “Cynical“, feuert einem sämtliche Trademarks entgegen, welche Fans so schätzen: Warme rotzige Gitarren, schnelle und komplex gespielte Drums sowie mitreißende Melodien. Auch die erste Single „Bored To Death”, welche schon vorab veröffentlicht wurde, beinhaltet traditionelle Elemente. Ein großartiger Song mit absoluter Ohrwurmgarantie, welcher sich textlich mit der Vergangenheit und dem Auf und Ab der Bandgeschichte beschäftigt.

Es lässt sich aber auch einen Hang zu Melancholie erkennen, welchen die Band im Laufe der Jahre entwickelte und so etwas wie das zweite Standbein von BLINK-182 darstellt. Dieses Element findet sich auch im düsteren “Los Angeles” wieder (der einzige, etwas experimentellere Track der Platte ), der wunderschönen Ballade “Home Is Such A Lonely Place” oder dem meiner Meinung nach besten Song “San Diego“. Letztgenannter Titel hätte auch Tom Delonge stimmlich sehr gut zu Gesicht gestanden.

Größtenteils verbreitet  “California” jedoch gute Laune und macht einfach nur Spaß. So erinnert “Kings Of The Weekend” sehr stark an “The Rock Sho” – einem der größten Hits der Band – während „Sober” im Stil der Party Hymnen “Feeling This” oder “All The Small Things” daher kommt. Mit “Built This Pool” und „Brohemian Rapsody” sind auch zwei Joke-Songs vertreten, welche zusammen gerade einmal 45 Sekunden dauern. Einfach, kurz, aber megawitzig. Das eigene Erbe muss ja schließlich würdevoll vertreten werden. Sowohl schnelle Tracks wie “Rabbit Hole” und “The Only Thing That Matters” als auch langsamere wie der Titeltrack oder „Left Alone” sind mitreißend und katapultieren mich in eine Zeit zurück, welche schon lange zurückzuliegen scheint.

Ich finde auch nach mittlerweile drei Wochen Hörzeit nur sehr wenige Punkte, die ich kritisieren könnte. Einige Songs wie “No Future” oder “Teenage Satelites” verfügen über gute Ansätzw, welcher jedoch nicht optimal umgesetzt wurden. Leider nur zwei Lückenfüller, bei denen aber deutlich mehr drin gewesen wäre. Dazu bekommt man an der ein oder anderen Stelle den Eindruck, die Band wüsste noch nicht genau, wo sie die Stimme des neuen Sängers positionieren solle. Skiba besitzt eine enorme stimmliche Bandbreite, welche man durchaus effektiver hätte nutzen können. Insgesamt beschert einem die LP jedoch eine lang ersehnte Zeitreise mit modernem Anstrich und reiht sich nahtlos in die großen Werke ein, welche die Gruppe um die Jahrtausendwende veröffentlichte und sie auf die großen Bühnen der Welt brachten. Textlich geht es ja schon lange nicht mehr nur um schmutzige Witze bei den alternden Skaterboys. Eine humorvolle Sicht auf die Dinge und das ein oder andere Augenzwinkern ist jedoch nach wie vor vorhanden und beschert dem hungrigen Musikkonsumenten somit gewohnte Kost, neben den durchaus tiergreifend verfassten Lyrics, welche hin und wieder auch ernstere Themen behandeln.

Vor Allem aber legen BLINK-182 auf dem neuen Longplayer eine Leidenschaft an den Tag, welche auf Neighborhoods noch so schmerzlich vermisst wurde. Der neue Mann an Mikro und Sechsseiter tut den Kaliforniern richtig gut und bringt frischen Wind in den Laden. Es kristallisiert sich mehr und mehr heraus, dass Tom Delonge – welchen ich als Songwriter und Musiker durchaus schätze – vermutlich der lähmende Klotz am Bein der Pop-Punk-Legenden gewesen ist. Eine absolute Kaufempfehlung von mir.

8 von 10 Punkten auf der “it’s-a-long-way-back-from-seventeen”-Skala