Akustik-Songs

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Redaktions-Special: Akustik-Songs

Lagerfeuermusik, Country-Flair, nennt es wie ihr es wollt: Heute sprechen wir über Acoustic-Songs. Und damit meine ich nicht die auf clean getrimmte E-Gitarre, sondern ein echtes Zupfinstrument mit hölzernem Resonanzkörper. So hat vermutlich jeder Gitarrenschüler anfgefangen, manche sind niemals darüber hinausgekommen, andere sind dazu zurückgekehrt. Auch in den Genre, in denen DEARLY DEMENTED sich bewegt, schätzen Musiker den Klang einer Akustikgitarre und schreiben ihre Songs auf ihnen, oder nehmen einzelne Stücke im Studio damit auf – um eben einem bestimmten Song einen ganz speziellen Touch zu geben.

Dabei sind die Vorzüge einer E-Gitarre beim Aufnehmen im Studio eindeutig. Eine akustische Gitarre ist anfälliger für Störgeräusche durch das direkte Abnehmen des Tons über ein Mikrofon, das nahe am Resonanzkörper positioniert wird.  So können sich fremde Geräusche, wie  Anschläge mit dem Plektrum, in die Aufnahme schleichen, die vielleicht erst auf dem Final Product, also der gepressten CD, auffallen. Eine E-Gitarre wird mit einem Mikro vor dem Amp abgenommen, so kann ein klarerer Klang sichergestellt werden.

Wir haben redaktionsintern unsere favourisierten Akustik-Songs für euch zum Nachhören – und träumen! – zusammengetragen. Verratet uns auf Facebook und Twitter eure ganz eigenen Lieblings-Nummern!

Dieser vom “Unto The Locust”-Album stammenden Song wurde eine knapp fünf-Minütige Nummer mit unbeschreiblich viel Volumen gewidmet – wir versuchen trotzdem die Stimmung in Worte zu fassen. Der Song existiert, zumindest auf dem Album, nur in akustischer Form, das heißt, er wurde nicht für die volle Band geschrieben beziehungsweise nicht mit allen Instrumenten aufgenommen. Der Stimmungen und Emotionen intensivieren sich während Robb Flynn seine Worte teils mehr haucht als singt. Seine tiefe, raue Stimme, die nicht immer zu hundert Prozent den richtigen Ton trifft, haucht den Akkorden Leben ein und macht sie zu einem der besten MACHINE HEAD-Tracks.

Zwischen dem Release der “The North Stands For Nothing”-EP und dem Debüt “This Is The Six” haben WHILE SHE SLEEPS eine Live-Akustik-Version ihres Hits “Crows” inklusive Video auf Youtube veröffentlicht. Als Sänger ist weder Shouter Lawrence Taylor noch Gitarrist und Backing-Vokalist Mat Welsh zu hören. Andrew Convey leiht dem Stück, welches so in einem ganz neuen Licht erscheint, aber seine Wirkung immer noch nicht verfehlt. Mat Welsh steuert Akkorde als Grundlage bei; das Stück lebt aber von den Melodien von Sean Long, ohne dessen zutun diese Version ihren Zauber verlieren würde.

“Summer” von REAL FRIENDS ist ohnehin schon einer dieser Songs, die mir sehr am Herzen liegen. Die Album-Version steht der akustischen auch in nichts nach; nur ist letztere so entschleunigt, dass sie eine komplett andere Stimmung vermittelt. Sänger Dan Lambtons Art zu singen, ist sonst charakterisiert durch ihre Shouts, doch bei den Akustik-Songs auf “More Acoustic Songs” fallen sie –verständlicherweise – fast ganz weg. Der Song “Summer” hat im Original etwas Wütendes, Aufwühlendes, obwohl der Text eigentlich eine positive Entwicklung beschreibt: Der Sprecher ist zwar verletzt, doch beschließt er, sich davon nicht aufhalten zu lassen. In der Akustik-Version klingt er in der Tat nach den entspannten Sommertagen, die wir vermissen, und es hat etwas surreal Aberwitziges, wenn Dan Lambton unschuldig “you fucking tore me down” ins Mikro säuselt.

“Put Me Out”, wie man es auf THE USEDs fünftem Studioalbum “Vulnerable” findet, startet direkt mit einem dynamischen Gitarrenriff, das einen ungemeinen Bewegungsdrang beim Hörer weckt. Das Original ist von Anfang bis Ende so energiegeladen, dass es wenig verwunderlich ist, dass die Akustik-Version das genaue Gegenteil bereithält. Langsam ansteigende, verzerrte Gitarren ebnen den Weg für die Stimme von Bert McCracken, die von leisem Zischen über kraftvollen Gesang bis hin zu Schreien die volle Bandbreite ihrer Fähigkeiten unter Beweis stellen kann. Das Tempo wird auf einen Bruchteil des Originals heruntergeschraubt, wie bei einer viel zu langsam abgespielten Schallplatte, sodass nun das Bild eines sich dahinschleppenden Zombies im Kopf des Hörers erscheint.

Mit “Zaubererbruder – Der Krabat Liederzyklus” hat ASP 2008 seine ganz eigene lyrische und musikalische Interpretation des Buches “Krabat“ von Otfried Preußler geschaffen. “Denn ich bin der Meister” ist dabei einer der intensivsten Songs, die auch akustisch, mit kleinem Orchester, hervorragend funktionieren und immer zu den Höhepunkten der Dunkelromantischen Nächte gehörten, deren Besucher ich ebenfalls schon war. Aus diesem Grund habe ich mich auch für die Live-Version entschieden.

MONO INC. habe ich live bereits mehrfach erlebt, sowohl als Support von SUBWAY TO SALLY als auch als Headliner. Bei den meisten Konzerten ist auch immer ein Akustik-Part offizieller Programmbestandteil. “In My Heart” ist ein wunderschönes, sehr melancholisches Liebeslied, welches zudem von Tod, Verlust und Hoffnung handelt und eben der ewigen Liebe und in der Akustik-Version noch intensiver wirkt.

Metal und Akustik ist sicher interessant, aber nicht sehr häufig anzutreffen, ist die Elektronik der Instrumente doch ein wichtiges Kriterium dieser Musik. Dass sie trotzdem auch ohne Strom funktionieren kann, wird wohl bei keinem anderen Lied als “Nothing Else Matters“ von METALLICA durchaus deutlich. Ich schätze dieses Lied sehr, zähle es aber nicht zu meinen persönlichen top zwei.

Dort findet sich an erster Stelle das zwar wahrscheinlich nicht viel weniger bekanntere, meiner Meinung aber stimmungsvollere “The Bard Song” von BLIND GUARDIAN. Sein Text und die atmosphärische Stimmung, die sich über die eigentlich einfach gehaltene Begleitung zu einer ganz speziellen Mischung vereinen, reflektieren meiner Meinung nach nicht nur die herausragende Stellung der Band und ihre Sonderstellung in der Szene, sondern machen diese Ballade zu einem außergewöhnlichen Werk. Dieses besitzt wohl auch über die Metalgrenzen hinaus ein starkes Durchsetzungsvermögen. Es ist einfach DAS Lied der Band, das live eigentlich unverzichtbar ist und Gänsehautmomente garantiert.

Die zweite Stelle, welche ich zu von mir hoch geschätzten, ist bei mir die akustisch dargebotene Version der “Merseburger Zaubersprüche” von IN EXTREMO. Durch diese Minimierung kommt die rauhe, unverkennbare Stimmung von Sänger Micha nochmals stärker zur Geltung als sowieso bereits. Auch kommt so eine eigene Ursprünglichkeit auf, welche zu einem solchen Lied meiner Meinung nach sehr gut passt. Es zählt, so finde ich, schlicht zu den Liedern, denen man in derer Besetzung besser gerecht wird als elektronisch verstärkt. Und das gelingt IN EXTREMO hier sehr gut.

WHILE SHE SLEEPS haben sich seit ihrem ersten Mini-Album 2010 international einen Namen erspielt und sind insbesondere für ihren Live-Abriss bekannt. Das heißt aber nicht, dass die Jungs nicht auch mal sanft können. “Four Walls” ist zum Beispiel ein Song, der selbst der Oma des Gitarristen gefällt. Insbesondere seit “Brainwashed” sieht man aber auch regelmäßig Akustik-Versionen ihrer eigenen Songs, was sie ja bereits im Interview mit uns angekündigt hatten. Bei diesem Exemplar sitzen sie zum Beispiel im bayrischen Wald um ein Lagerfeuer herum und machen so nicht nur ansprechende Musik, sondern leben auch noch den Traum eines jeden Tumblr-Users.

Der zweite Song fiel mir schon deutlich schwerer, da ich eigentlich nicht so ein Fan von Akustik-Versionen bin, beziehungsweise die meist im Vergleich zum eigentlichen Song einfach viel seltener höre. Aber die Akustik-Version von “I Felt Free” aus dem 2010 veröffentlichten “Blue Sky Noise” von CIRCA SURVIVE macht einfach so vieles richtig. Der Song ist ohnehin schon sehr melancholisch, und er gewinnt durch diese Version nochmal ein ganzes Stück dazu. Dazu kommt Anthony Greens engelsgleiche Stimme, die in jeder Situation überzeugen kann – ob in rabiaten Stücken wie “Schema” aus dem neuesten Album “Descensus” – oder eben mit sanfter Hinterlegung in diesem Song.

Immer wieder bekomme ich zu hören, “Heartburn” wäre einer der schlechtesten Songs, den ARCHITECTS jemals produziert haben. Dem kann ich allerdings nicht zustimmen. In der akustischen Version der Ballade beweist Sam Carter seine Wandelbarkeit als Sänger und dass er durchaus dazu fähig ist, seine Stimme gefühlvoll und ruhig einzusetzen. “Heartburn” beschreibt die Person, welche man in dunklen Zeiten gerne bei sich hätte; jemanden, der für einen da ist, zuhört und einem das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein.

OUR LAST NIGHT sind eine Band, von der man eigentlich immer hört. Bekannt wurden sie vor allem durch ihre Coversongs auf YouTube, die auch nach Erreichen eines hohen Bekanntheitsgrades ihre musikalische Laufbahn weiterhin prägen. Nachdem die vier Amerikaner im Frühling eine erfolgreiche Europa Tour hinlegten, folgte ihr fünftes Album “Younger Dreams”, welches leider die Zeiten als Post-Hardcore Band beendete, ihnen jedoch eine neue Welle an Fans beschaffte. Ihr Song “Reason to Love” ist nicht nur in der Originalfassung auf jedem Konzert ein Hit und aus keiner Setlist mehr wegzudenken. Auch als Akustik-Version ist dieser nicht zu unterschätzen. Mit herzzerreißenden Lyrics schaffen es Leadsänger Trevor Wentworth und Backup Sänger Matt Wentworth, die ganz großen Gefühle rüberzubringen. Sobald Trevor “I need someone to prove to me, that love is more than just a tragic catastrophe” singt, hört man im Hintergrund praktisch die Herzen aller Mädchen brechen.

Corey Taylor (SLIPKNOT, STONE SOUR) zeigt bei “Through Glass” jedem “Metal-ist-nur-Rumgeschrei”-Vertreter, wie falsch er liegt. Ein super Text, eine eingängige Melodie sowie eine absolut überragende Vocal-Leistung – sowohl auf Platte, als auch Live – sind Indizes für einen Ohrwurm der positiven Art, den man auch nach Wochen schwer aus Kopf bekommt. Da verzeiht man ihm fast seine mittlerweile doch eher schlecht als rechte Live-Performance bei SLIPKNOT – im Vergleich zum Anfang des Jahrtausends.

Genau diese Merkmale bringt auch “Live In The Sky” in der Akustik-Version von VERSES mit sich und ist damit – zurecht – nicht nur einer meiner Lieblings-Acoustic-Songs, sondern gehört zu meinen absoluten Favoriten, was Musik im Allgemeinen angeht. Wo “Through Glass” vielleicht etwas melancholisch stimmen mag, ist “Live In The Sky” einer der Songs, bei dem man ganz nostalgisch wird – zumindest ich für meinen Teil. Und das, obwohl ich die Jungs erst diesen Sommer kennenlernen durfte. Auch hier: Ohrwurmgefahr, aber im positiven Sinne.

Kurz bevor 2009 das “Split Your Lip” Album veröffentlicht wurde, hatte sich der Gitarrist meiner damaligen Band gerade von seiner dezent psychopathischen Freundin getrennt. Es dauerte natürlich auch nicht lange, bis sie wieder zu ihm zurückgekrochen kam. Genau zu der Zeit kam das besagte HARDCORE SUPERSTAR-Album mit dem passenden Song “Here Comes That Sick Bitch Again” heraus. Diesen Song haben wir daraufhin in Schleife auf Akustik-Gitarre gejammt. Umso erfeulicher war es, als Sänger Jocke Berg und Gitarrist Vic Zino selbst ein Akustik-Video veröffentlichten.

Die BACKYARD BABIES habe ich durch den Song “Nomadic” kennengelernt. Normalerweise bevorzuge ich die Studio-Version über Live-, Akustik- oder Remix-Versionen und weitere Albem-Füller. Diese Version von “Nomadic” jedoch, wie sie beim französischen Radiosender Oui FM von DREGEN und NICKE BORG performt wurde, geht mir immer wieder unter die Haut.

Oftmals passen Energie und Aussage eines Songs nicht zu einer Akustikversion des selbigen. Nicht so bei “We Still Believe” von STICK TO YOUR GUNS, denn Sänger Jesse Barnett bekommt es hin die Energie des Originals in eine nachdenkliche Stimmung zu wandeln und die punkigen E-Gitarren zu einer countrymäßigen Westerngitarre zu machen. So spielt er nicht einfach die Riffs des Originals nach, was auch offen gesagt eher albern klingen würde, sondern entwickelt neue Pickings und Akkordmuster, die seine sehr charaktervolle Stimme zusätzlich unterstützen. Akustikgitarre und Gesang, simpel aber gut!

Nicht ganz so simpel gehalten ist die Akustikversion von “Ebb And Flow” von MISERY SIGNALS. Mehrere Gitarren, Bass und Samplestreicher machen den Track aber nicht so schmalzig wie man jetzt denken könnte. Denn da diese Version sehr nah am Original ist, beginnt es ebenfalls im 5/4- Takt, allerdings etwas langsamer, flächiger und nachdenklicher. Ausgefallene Akkorde, gutes Arrangement und erstklassiges Songwriting machen diese Akustikversion zu einer Meditation eines ohnehin schon tiefschürfenden Songs. Die Akustikversion von “Ebb And Flow” erschien ursprünglich auf der Japanausgabe von “Controller” (2008), wurde aber von Sänger Karl Schubach 2014 erneut aufgenommen, etwas anders arrangiert und moderner gemischt.

“Jonathan” ist ein sehr persönlicher Song über einen Freund der Band ICE NINE KILLS, der nahezu komplett erblindet ist. Aus seiner Perspektive heraus geschrieben, transportiert die eigentliche Core-Nummer in ihrer Akustikversion wunderbar die Gefühle in einem völlig anderem Gewand. Niemand, der sich nicht selbst in einer solchen Lage befindet, kann sich in diese Situation einfühlen, aber die ehrlichen und zugleich hoffnungsvollen Lyrics können einen kleinen Einblick in derartige Lebensumstände ermöglichen. Einem guten Freund einen Song zu widmen und ihm dadurch Mut zuzusprechen ist außerdem ganz großes Kino!

Auch die zweite Nummer hat Hoffnung als großes Thema: Egal was man gerade durchmacht, es gibt immer einen Funken Hoffnung, so auch beschrieben in dem Akustik-Song “Live For Better Days” der amerikanischen Hardcoreband IGNITE. Gute Songs erkennt man daran, dass sie auch lediglich auf Vocals und ein Begleitinstrument heruntergebrochen funktionieren. Der Song würde zwar auch wunderbar mit mehr Instrumenten klingen, aber das schlichte Arrangement gepaart mit den starken Lyrics von Zoli Téglás reichen hier vollkommen aus, um ein sehr intensives Gefühl beim Hören zu erzeugen. Wenn es mal nicht so läuft ist der Song jedenfalls ein perfekter und rezeptfreier Stimmungsaufheller.